Titel: New York Aktuell , 1983

Eric Fischl

Ein kleiner Junge schaut wie gebannt auf die Genitalien einer Frau; eine andere Frau spreizt die Schenkel vor einem jungen Mann mit erregiertem Glied, während ein zweiter junger Mann ihr linkes Knie umklammert hält; eine dritte Frau schließlich tanzt betrunken auf einem Cafetisch in einer typischen Mittelklasse-Wohnung und ergreift die rechte Hand eines armamputierten Mannes, der sich von ihr abwendet – ungewöhnliche Szenerien des alltäglichen Lebens. Eric Fischl, ein gebürtiger Kanadier, hat sie in drei Bildern thematisiert: „Bad Boy“ (Schlimmer Junge), „First Sex“ (Erste Sexerfahrung) und „Time for Bed“ (Zeit, ins Bett zu gehen), allesamt aus dem Jahre 1981. In diesen Bildern spiegelt sich das künstlerische Universum des Malers Eric Fischl exemplarisch. Sie verletzen ganz offensichtlich Tabus. Dinge werden angesprochen, werden enthüllt, über die man nicht redet. In vor-zivilisatorischen Gesellschaften umschloß sie der Mythos. Es sind Dinge außerordentlich exklusiven Charakters. Archetypische Erlebnisse und Erfahrungen, die den Prozeß einer jeden Menschwerdung begleiten. Protestantische Ethik und kapitalistische Moral, Max Weber zufolge die Antriebskräfte der modernen, kapitalistischen Industriegesellschaft, haben sie verdrängt, ins Unbewußte abgesenkt. Nicht von ungefähr erblicken wir immer wieder Kinder in Fischls Bildern, Heranwachsende. Womit sie konfrontiert werden, das sind Augenblicke, die Schocks auslösen, sich tief in die menschliche Psyche eingraben. Sie werden wahrgenommen, aber nicht bewußt reflektiert. Sie versinken in den Schluchten des Unbewußten, fähig, unter bestimmten Umständen eine geradezu zerstörerische Gewalt zu entfachen. Sigmund Freud und seine Schule haben diese komplizierten Vorgänge untersucht und Licht in die innere Wirklichkeit des Menschen geworfen.

Eric Fischls Gemälde stecken voller Freudscher Anspielungen….

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