Titel: New York Aktuell , 1983

Susan Hall

Als ich Susan Hall in ihrem Atelier, südlich der Canal Street in Manhattan, besuchte, hatte sie soeben ein riesiges, fünfteiliges Gemälde vollendet. Das Gemälde zieht eine Art Zwischensumme des obsessiv aufgeladenen, die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischenden Werkes der Künstlerin und versammelt eine Reihe der typischen Versatzstücke ihrer ungemein persönlichen Motivwelt: die eigentümlichen, glockenförmigen Blumen, eine von einem brennenden Rot, schmerzlich und bedrohlich zugleich, eine erotische Metapher von beinahe unangenehmer Deutlichkeit, die Vögel und Säugetiere, die blauen Landschaften, die von einem gelben Himmel überwölbt werden, mitunter auch eine rot-ockere Farbe annehmen vor einer grünen Birkensilhouette mit strahlend blauem Himmel, wenn sie von der Sonne durchglüht werden, die Menschen, die sich in einer fremdartigen Vertrautheit oder vertrauten Fremdartigkeit gegenübersitzen, die Frau, die vor einem violetten Hintergrund an einem Tisch mit blauer Tischdecke ihre dunkelrot lackierten Fingernägel durch blaßrosa, rauchförmige Ringe schiebt und gleichsam den Geschlechtstausch während des Sexualaktes symbolhaft vollzieht. Private Obsessionen dringen hier in geläufige Symbole ein und verleihen ihnen eine versteckte Aggressivität. Dem gesamten malerischen und zeichnerischen Werk von Susan Hall haftet eine zwingend magische Qualität an. Ronny H. Cohn siedelt ihre Bilder denn auch in einer künstlerischen „Zwielichtzone“ an (Artforum, September 81). In einer Zone, wo das Bekannte fantastisch anmutet, wo Sehen nicht notwendigerweise Wissen bedeutet.

Susan Halls Thematik kreist seit den frühen siebziger Jahren um zwei vorherrschende Gegenstände: das Reisen und die Frauen. Immer wieder tauchen Züge in ihren Gemälden auf und Flugzeuge. Zwei Lokomotiven begegnen sich in dem Gemälde ,,Night Train Express“ (Nachtzug), 1980, unter…

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