Titel: New York Aktuell , 1983

Nicholas Africano

Die materielle Wirklichkeit kommt in Nicholas Africanos Bildplänen nur andeutungsweise vor. Auch das gesellschaftliche Umfeld verkürzt sich auf seine elementarsten Strukturen: die Beziehungen zwischen zwei oder höchstens drei Menschen. Doch selbst diese Beziehungen werden nicht in ihrer vielschichtigen Komplexität geschildert. Sie reduzieren sich vielmehr zumeist auf Reaktionen einer Person gegenüber einem bestimmten Ereignis, das ihr widerfahren ist. Dieses Ereignis programmiert ihre Sicht, diktiert zugleich ihr Verhalten im gesellschaftlichen Raum, so daß sie häufig auch solchen Menschen mit unverhohlener Aggressivität begegnet, die ihr nur helfen wollen.

Die einzelnen Bilder Africanos vergegenwärtigen in der Regel Etappen einer umfassenderen Geschichte. Die Geschichte vollzieht sich in einer Folge verschiedener Tableaux, die einen zeitlichen Ablauf suggeriert, allerdings keine Entwicklung beschreibt. Die Geschichte kristallisiert sich in jedem Bild der Bildserie, kreist also beständig um einen „harten“ Kern; und in jedem Bild spiegelt sich dementsprechend ihre inhaltliche Essenz. Deren vorherrschende Thematik: Die Isolation des modernen Menschen, seine Verletzlichkeit und der alltägliche Kampf in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Africano bringt Bilder von „bewegender Banalität“ (Artweek) zuwege, unspektakulär, voller Episoden, die keinen Aufmerksamkeitswert besitzen, weil sie unsere Reizschwelle nicht mehr zu überschreiten vermögen.

Aufmerksamkeit erzielt der Künstler gleichwohl, und zwar durch einen ebenso einfachen wie verblüffenden Trick: Sein Ensemble handelnder oder leidender Figuren verkleinert er auf Puppengröße, wodurch er den Betrachter zwingt, sich ihnen auf knappste Distanz zu nähern, wenn er überhaupt etwas erkennen will. So macht er sich dessen Neugierde zunutze. Denn wie die Filmkamera die Basis für eine Identifikation mit dem Helden oder der Heldin eines Films schafft, indem…

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