Ausstellungen: Düsseldorf · von Jürgen Kisters · S.
Ausstellungen: Düsseldorf , 1993

Jürgen Kisters

Gedankenstrich

Weil er vor ein paar Jahren während einer Reise nach Rom kein passendes Souvenir fand und er keinen Petersdom in Plastik mit nach Hause bringen wollte, hat der Kölner Joachim Rönneper ganz einfach den Staub auf der Fensterbank im dortigen Museum für moderne Kunst zusammengekratzt und nach Köln gebracht. Daraus entstand im weiteren die Idee, den hauseigenen Staub aus den Museen Europas zu sammeln, mit erläuternden Kommentaren zu versehen und in den Mittelpunkt unseres Augenmerks zu rücken; ein ebenso humorvoller wie hintergründiger Kunstgriff, der gerade dem Unscheinbaren des Alltags den höchsten Erkenntniswert zuweist.

Nunmehr hat sich der Konzept-Künstler, Anthologist, Herausgeber, Ausstellungsmacher und studierte Theologe Rönneper einer anderen Kleinigkeit unseres Lebens zugewandt: dem Gedankenstrich. Im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut (Bilker Straße 12 – 14) geben Beispiele aus Literatur und Bildender Kunst eine erste Ahnung, was es mit diesem kurzen waagerechten Strich auf sich haben könnte. Da enthüllt der Blick durch den horizontalen Balken auf einem vertrauten Verkehrsschild (Einfahrt verboten!) hinter der nüchternen Funktionalität einen überraschenden Durchblick auf die beängstigende Weitläufigkeit des uferlosen Meeres der Wirklichkeit; so ein Bild von Ivan Chutjov. Zwischen dem Datum (Mai 1940) und dem Ereignis (aus einem Zwischenlager in der Kölner Messe ins Konzentrationslager Buchenwald deportierte Sinti und Roma) weist ein Gedankenstrich auf die ganze Unvorstellbarkeit der Barbarei des deutschen Nationalsozialismus. Mit diesem „Strich durch das Vergessen“ soll die Unerläßlichkeit von Erinnerung und Trauer spürbar werden: angesichts der deutschen Geschichte und angesichts von Geschichte überhaupt – gemäß einer Aktion von Gunter Demnig, die in der Ausstellung dokumentiert wird. In…

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