Ausstellungen: Bonn · von Andreas Denk
Ausstellungen: Bonn , 1993

Andreas Denk

Wolfgang Laib

Der auf der schwäbischen Alb und in New York tätige Wolfgang Laib begann nach einem Medizinstudium mit künstlerischen Arbeiten, deren Formulierung bis heute weitgehend unabhängig von gängigen künstlerischen Positionen geblieben ist. Die Bonner Ausstellung zeigt in fünf Räumen acht Arbeiten Laibs, die stellvertretend für die unterschiedlichen Werkgruppen des Künstlers stehen. Dabei ermöglicht die puristische Präsentation Seherfahrungen, die Laibs strenge, sicherlich nachhaltig von buddhistischer Kosmologie geprägte künstlerische Haltung erhellen.

Ein Raum ist Laibs „Reishäusern“ gewidmet, längsrechteckigen, schmalen und niedrigen Trögen aus unpoliertem Marmor, denen ein ebenfalls marmornes „Dach“ aufgesetzt ist. Trotz ihres nahezu kleinplastischen Formats beherrschen die Assemblagen, ähnlich wie auch benachbarte „Wachshäuser“, den Raum: Das stumpfe Weiß des Marmors entwickelt ein solches Maß an Lichtreflexion, daß die Strahlkraft des Materials das Gebilde nahezu entmaterialisiert und in einen anderen Aggregatzustand – einen energetischen nämlich – überzuführen scheint. Der Beobachtung folgt auch der formale Beweis, den der Künstler selbst führt: An das „Haus“ angelagert, dessen – im Vergleich zu einem tatsächlichen Gebäude – disproportionale Längen- und Höhenverhältnisse dem Gegenstand nur Fetischcharakter zukommen lassen können, sind kleine Reishäufchen, die so sorgfältig aufgeschüttet sind, daß jedes einzelne Korn, wie von einem Kraftfeld angezogen, auf das Hausinnere ausgerichtet ist.

Ähnliche Beobachtungen ermöglicht auch Laibs „Reismahlzeit“ aus dem Jahre 1983. Die siebenundzwanzig auf dem Boden stehenden Messingschalen erheben den Betrachter schon durch ihre Anordnung in einer mit einem Blick nicht übersehbaren Reihe in eine sublime Atmosphäre. Bis auf eine mit einem kleinen gelben Blütenstaubhaufen belegte Schale enthalten alle anderen sorgfältig aufgehäufte Reiskegel. Legt noch die Belegung gerade der neunten Schale durch Pollen nicht abschließend schlüssige zahlenmystische Mutmaßungen nahe, deutet die behutsame vertikale Schichtung der Reiskörner, deren Formationen aus der Aufsicht wie magnetisierte Eisenfeilspäne wirken, den kleinen Reishaufen als skulpturale Manifestation des energiegeladenen, lebenserhaltenden Grundnahrungsmittels.

Laibs „Milchstein“ (1987/89), von denen einer auf der Biennale 1982 in Venedig (neben Arbeiten Hanne Darbovens und Gotthard Graubners) als bundesdeutscher Beitrag zu sehen war, ist eigentlich ein ästhetisch brillant umgesetztes dialektisches Modell. Der Künstler hat eine dünne weiße quadratische Marmorplatte an der Oberfläche um Millimeter ausgehöhlt, an den vier Kanten einen schmalen Grat stehen lassen und die entstehende Vertiefung mit Milch aufgefüllt. Obwohl mehr Milch auf dem Marmor sich befindet, als die Mulde zu fassen vermag, lassen die Kohäsionskräfte den „Milchspiegel“ nicht überlaufen. Die vollständig glatte Oberfläche, der Spiegeleffekt der Flüssigkeit und die gleiche Farbe könnten den flüchtigen Betrachter glauben machen, der „Milchstein“ sei lediglich eine polierte Marmorplatte. Erst genaueres Hinsehen erweist die Bimaterialität: Der skulpturale Widerspruch des Weißen-Harten des Marmors und des Weißen-Flüssigen der Milch leiten den Betrachter über das ästhetische Gefallen hinaus zu dialektischer Kontemplation.

Die auratische Wirkung der Laibschen Materialanordnungen erkennt der Betrachter nochmals und besonders sinnfällig bei einer Bodenarbeit aus Haselnuß-Blütenstaub (1992). Laib hat die intensiv gelbfarbigen Blütenpollen in quadratischer Form auf den Boden gestreut, dabei die Ränder jedoch nicht scharf konturiert, sondern auslaufen lassen. Die an der dünner werdenden Pollenlage für die Augen entstehende Unschärfe versucht der Betrachter durch die Konzentration auf einen zu vermutenden Mittelpunkt der Arbeit zu überwinden. Dieser Interpretationsversuch jedoch fehlt: Zu gleichmäßig ist das von Laib stets durch ein Sieb handgestreute gelbe Quadrat, als daß sich Schwerpunkte herausbildeten. Folglich wird es erneut nötig, die Begrenzungen der Staubfläche ins Auge zu fassen, die jedoch durch die ungeheure Lichtreflexion, die jedes einzelne Blütenstaubkorn bewirkt, um so unklarer erscheint. Letztlich scheint der gesamte Raum vom gelben Leuchten des Blütenstaubs erfüllt, scheint andersherum sogar das Pollenquadrat eine nicht mehr der Lagerung am Boden verhaftete, sondern schwebende Manifestation von Licht im Raum zu sein.

Eine das gesamte Körpergefühl betreffende Erfahrung schließlich vermittelt Laibs eigens für Bonn konstruierter „Wachsraum“. Die in einem schlichten weißen Schrein installierte Kammer kann durch einen schmalen, niedrigen Einlaß betreten werden. Wände und Decke hat Laib mit Bienenwachsplatten belegt, die eine Quaderstruktur referieren. Die Stirnseite des mit einer Glühbirne beleuchteten gangartigen Innenraums bildet eine ebenfalls wächserne „Treppe“, die, in Handhöhe beginnend, in zwölf steilen Stufen zur Decke führt. Wirken schon die Pollenarbeiten nicht nur visuell, sondern auch auf die Geruchsempfindung, ist im „Wachsraum“ eine Totalität von Sehen, Riechen und Sich-Fühlen erreicht. Nicht zuletzt eignet der Installation jedoch formale Bedeutung: Die „Treppe“ deutet mit ihren nicht wirklich ersteigbaren, nur geistig erklimmbaren Stufen nach oben die Möglichkeit des „Aufstiegs“ (im buddhistischen Sinne) an, der jedoch erst in einer von der gewohnten Umwelt separierten Sphäre möglich wird: Laib hat hier, wie bereits zuvor in Philadelphia, einen „heiligen“ Raum konstruiert, der wie das Innere einer Andachtsstätte die Anwesenheit eines „Anderen“, das alles ein- und umschließt, offenbart und dem man sich durch Versenkung nähern kann.

Wolfgang Laibs Skulptur gewordene Übersetzungen buddhistischer kosmologischer Vorstellungen mit ihrer Konzentration auf das Elementare, das Wesentliche, hat den Künstler zu einer Materialästhetik und eigenen Ikonographie geführt, die dem ursächlichen Wesen der Dinge entnommen ist. Man darf eine Wahlverwandtschaft mit Anliegen von Joseph Beuys vermuten: Ähnlich wie der Klever Künstler die Rolle des Schamanen, des heilkundigen Vermittlers des Transzendenten zum Irdischen, besetzte, agiert Wolfgang Laib als zen- und medizingeschulter Priester des Erfahrungswertes des Einfachen, des Geringen, des zunächst Unauffälligen, aber bei näherer Reflexion Wichtigen. Eine solche sakralisierte künstlerische Haltung bleibt jedoch innerhalb hochindustrialisierter High-Tech-Gesellschaften eine Grenzposition im philosophischen Dreieck von Verinnerlichung durch Selbstversenkung, ökologischem Bewußtsein und romantischem Empfinden. Laibs künstlerische Absicht geht von der Notwendigkeit spiritueller Erfahrung als Gegengewicht zu entfremdeter Umwelt und fortschreitender Isolation des einzelnen aus. Nicht „Erkenntnis“ im naturwissenschaftlichen Sinn sollen seine Manifestationen des Elementaren vermitteln, sondern im spirituellen Sinne „Erleuchtung“. Ob diese oder – angesichts der Erhabenheit der Installationen – doch nur „Erbauung“ sich einstellt, ist Betrachtersache.

Zur Ausstellung ist ein Katalog mit Texten von Klaus Schrenk, Donald Kuspit und Kerry Brougher (ca. 145 S.) zum Preis von 50 DM erschienen.

Kunstmuseum Bonn, 6.11.1992 – 24.1.1993