Ausstellungen: Köln · von Jürgen Kisters · S.
Ausstellungen: Köln , 1993

Jürgen Kisters

Wie das üblich ist bei Künstlern, die einmal ihren malerischen Schwung gefunden haben, weichen auch die neuen Bilder Per Kirkebys nicht sonderlich von den früheren ab. Das Neue setzt auf die Kontinuität des Bekannten und Gekonnten und ringt ihm allenfalls geringfügige Nuancen ab. Im Falle Kirkebys sind das leichte Verschiebungen in den Farben oder energisch-hastige Striche, die sich zwischen die Farben schieben, aus ihnen hervorzukommen scheinen, sie gelegentlich wie ein Spinnennetz klammern oder wie kräftige Wucherungen aus ihnen hervordrängen. In Kirkebys Malerei geht es seit jeher um geheimnisvolle Verästelungen und seltsame Blüten, während es gleichzeitig äußerst expressiv und dynamisch zugeht.

Die Erinnerung an die organische Struktur des Lebens ist fortwährend präsent. Man glaubt Pflanzen und ihre Verschlingungen zu sehen, entdeckt den ganzen abstrakten Reichtum der Natur und hangelt sich mit seiner Phantasie sanft daran entlang, um schließlich alle existentiellen (und kulturellen) Empfindungen, Sehnsüchte und Abgründe darin wiederzufinden. Man assoziiert die feuchte Wildheit eines Moores oder das vertraute Geheimnis herbstlicher Verwandlungen. Man tritt durch die Gärten der Erinnerung und berührt die Spitzen unerwarteter Wünsche. Man sinkt sozusagen darin ein, verliert sich in den zart aufkeimenden Formen der Nachdenklichkeit, rutscht in die Tiefen verschlungener Erregungen. Farbe (wie auch der Ton bei der Modellierung seiner Bronzeskulpturen) wird zu einem klebrigen Zeug, aus dem sich herausformt, was Kirkeby „die lebendige, sich bewegende Masse“ nennt, den „magischen Klumpen der Kunst und des Daseins“. Diese Masse ist in ständiger Bewegung, und der Künstler begibt sich mitten in diesen vielfältigen, widersprüchlichen Prozeß hinein.

Natur ist zweifellos das zur Einsicht gestellte Gegenüber dieser Bilder; Natur in ihrer weitesten Auslegung. Entgegen traditionellen Natur-(d.h. Landschafts-)Bildern, die eine harmonische Ordnung der Dinge vorstellten, in der alles seinen festen Platz hatte, zeigt Kirkeby allerdings eine „unruhige Harmonie“, ein Wirrwarr der Kräfte, das in aller Stille dennoch zusammenhält. Indem seine Bilder nicht abstrakt und zur gleichen Zeit nicht figurativ sind, sich weder darum bemühen, figürliche noch gegenstandslose Assoziationen zu verhindern, sind sie gleichzeitig in vieler Hinsicht „einfacher“ und „direkter“ als der größte Teil der um klare Einordnungen, effektvolle Klischees oder intellektuelle Geradlinigkeit bemühten zeitgenössischen Malerei.

Kirkeby gehört zweifelsohne zu den leichthändigen Vertretern seiner Zunft. Nach einem kurzen Moment des Innehaltens, vielleicht Zögerns, kennt die farbsetzende Hand augenscheinlich kein „Aber“ und keine Grenzen (mehr). Alles verwebt sich fließend ineinander. Das läßt viele Bilder als souveräne Farb-Sproßformen erscheinen, ebenso gleitend hervorgegangen wie die Formen und Farben der Natur. Andere Bilder belegen jedoch die ganze „ungenaue Schludrigkeit“ der menschlich-malerischen Mittel, und man muß sich schließlich nur fragen, ob sie sich bewußt oder wegen einer allzu großen malerischen Routine des Künstlers eingeschlichen haben. Was dabei für die Bilder Kirkebys zutrifft, gilt gewiß auch für seine neuen Bronzeplastiken, die in der Galerie Werner als amorphe Kopfdarstellungen den farbsatten Bildwerken gegenübergestellt sind. Aus dem Amorphen allmählich die Gestalten des Lebens wachsen zu sehen, beschreibt einen der spannendsten Zugänge zur Kunst. Wenn man auf diesem Wege aber allzu rasch auf allzu einfache Andeutungen (Mund, Nase) stößt, endet dieser Prozeß (wie gelegentlich bei Kirkeby) in ganz unerwarteter Enttäuschung. Verrät sich darin ein letzter Skrupel, einen „magischen Klumpen Material“ ohne eine richtungweisende menschliche Geste als ein „Bild vom Menschen“ hinzustellen, in dem der Mensch in der äußerst lebendigen, aber namenlosen Gleich-Gültigkeit aller Dinge davonrutscht? Oder liegt darin eine gewisse Unsicherheit, ob die „Gesichter des Unbewußten“ tatsächlich in jedem von Verdickungen und Furchen belebten Stück Material ihren Spiegel finden? In der Gegenüberstellung von beidem, von Malerei und Skulptur, taucht der Blick bei weitem stärker in die Farben von Kirkebys Bildern hinein denn in die Formungen seiner Skulpturen. Man kann darin einen grundsätzlichen vorurteilsbeladenen Vorteil der Malerei gegenüber der Skulptur sehen. Man kann aber auch zu dem Schluß kommen, daß die Bilder Kirkebys einfach tiefer und konsequenter in die uferlose Turbulenz und Schönheit der „natürlichen“ Widersprüchlichkeiten der Wirklichkeit hineinverwickeln als seine Plastiken.

Per Kirkeby

Galerie Werner, Köln, 13.11.1992 – 9.1.1993