Ausstellungen: Köln · von Rainer Wick · S. 75
Ausstellungen: Köln , 1974

RAINER WICK

PROJEKT ’74 –

Rumpelkammer des Inkommensurablen ?
Kunsthalle und Kunstverein Köln, 6.7. – 8.9.1974

Nach dem Jubel der Katzenjammer. Eben noch zogen im ‚erklärten Kölner Kunstjahr‘ (Dieter Ronte) (Anlaß: 150 Jahre Wallraf-Richartz-Museum) die ‚Kölner Maler von 1300 – 1430‘ – so der Untertitel der Jubiläumsausstellung ‚Vor Stefan Lochner‘ – die Besucherscharen in den Bann goldgrundiger Feierlichkeit, da schon geht es mit ‚Projekt ’74‘ hinein in ein Wellental der Publikumsgunst. Rund 20 000 Besucher in zwei Monaten, im Tagesdurchschnitt ungefähr 330 (Schlagerausstellungen wie ‚Nolde‘ und ‚Rhein und Maas‘ hatten auf ihrer Habenseite das Zehnfache und mehr verbuchen können) hinterließen bei Stadtvätern und Lokalpresse gleichermaßen Schlechtwetterlaune angesichts der augenfälligen Asymmetrie zwischen Besucherfrequenz und Finanzaufwand (irgendwo an der Millionengrenze) – ganz so, als hätte ‚Projekt ’74‘ Rekordsummen einspielen, Riesenprofite abwerfen sollen. Gewiß, das ‚große Publikum‘, von dem Heiner Stachelhaus (NRZ 10.7.74) und andere geträumt haben mögen, blieb aus, und doch wäre es schlechterdings kleinkariert, wollte man Bedeutung und Ausstrahlung einer Ausstellung allein an der Zahl der verkauften Eintrittskarten ablesen. Massenpopularität und Avantgardekunst – zwei Größen in einer Gleichung, die noch nie aufgegangen ist.

Bei aller Fragwürdigkeit der Künstlerauswahl (‚Qualität‘, so Kunsthallenchef Manfred Schneckenburger, sei das ausschlaggebende Selektionskriterium gewesen, natürlich, aber ist ‚Qualität‘ nicht vielfach nur ein Tarnname, um Willkür zu verschleiern? ) und bei aller unbestreitbaren Vermittlungsschwäche, kommt ‚Projekt ’74‘ doch das Verdienst zu, zwei Jahre nach der letzten und zwei Jahre vor der nächsten ‚documenta‘, in einem wenn auch lückenhaften Überblick aktuelle Entwicklungstendenzen der Zeitkunst zusammengefaßt zu haben. Zwischenbilanz zur Halbzeit, Versuch, das Inkommensurable kommensurabel…

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