Kommentar · S. 231
Kommentar , 1974

KLAUS HONNEF

Tagebuch

6. Folge

Sonntag, den 10. Februar

Notizen aus der Provinz… In Arnsberg, der Perle des Sauerlandes, wie die Werbung sagt, eröffne ich eine Ausstellung von Grafiken Gerd Winners. Es ist eine der Ausstellungen, die der Westfälische Kunstverein im Auftrag seines Hauptmäzens, des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, innerhalb Westfalens herumreicht. Ich bin eigentlich auf eine andere Ausstellung vorbereitet: ‚Westfälische Grafik‘. Doch das Plakat des Sauerlandmuseums belehrt mich eines Besseren. Ein Glück, daß ich mir ein bißchen Routine angewöhnt habe, und mit Routine überstehe ich die Eröffnungsrede. Der Direktor des Museums, der liebenswürdige Herr Harder, lädt mich wie jedes Jahr, wenn ich zur Eröffnung einer Ausstellung nach Arnsberg komme, zum Mittagessen ein. Und es fehlt wieder nicht, wie stets sonst auch, der Hinweis, daß der Kreis Arnsberg vielleicht, da er aufgelöst werde, zum letzten Mal das Essen bezahle und ich infolgedessen nicht auf den Preis zu achten brauche.

Im Fernsehen Claude Chabrols ‚Blutige Hochzeit‘, nachdem gestern einer meiner bevorzugten Filme, ‚Die untreue Frau‘ vom selben Autor vorgeführt worden ist. Eine rüdere, bitterere Variation dieses Films, mit einem kräftigen Schuß kaum verträglicher Melodramatik, die allerdings gemildert wird durch eine kühl-bravouröse Bild-(Farb)-Regie. Faszinierend, zum Verrücktwerden: Stephane Audran. Eine tolle Frau. Vornehm so berückend wie ordinär. Als zarte Geliebte wie als geiles Weibstück. ‚Women are evil‘, hatte Don Siegel über Frauen philosophiert in einem Interview, das er H.C. Blumenberg gegeben hat.

Dienstag, den 12. Februar

Vorstandssitzung des Kunstvereins. Mir ist nicht besonders wohl zumute. Obwohl wir getan haben, was wir konnten, weisen wir ein Defizit von über 30 000 DM vor. Die Jahresgaben von 1973 haben sich nicht einmal amortisiert, obwohl die Blätter von Polke und Stever auf Anhieb vergriffen -waren. Andere hingegen liegen fest wie Beton. Die Jahresgaben schlagen mit 20 000 DM Verlust zu Buche und damit ein kräftiges Loch in die Bilanz. Und für dieses Jahr ist bereits ein Defizit von 21 000 DM trotz eingeschränkten Ausstellungs- und Katalogangebots vorprogrammiert. Dazu gibt es augenblicklich nur eine Alternative: das Programm bis auf zwei Ausstellungen im Jahr zu reduzieren und auf die Kataloge zu verzichten. Es sei denn, die öffentlichen Hände greifen endlich in Münster stützend ein. Namentlich die Stadt, die für Kunst kaum mehr als Lippenbekenntnisse parat hält. Imgrunde finde ich jedoch die Aufregung um die vergleichsweise geringen Summen für lächerlich. Wenn man bedenkt, was in den letzten Jahren durch die Arbeit der Angestellten des Kunstvereins für Verein und Stadt Münster geleistet worden ist mit einem Gesamthaushalt von ganzen 260 000 DM, bei allerdings freier Domizilierung, trübt auch der Umstand des defizitären Haushaltsabschlusses das Bild nicht. Ein Kraftakt sicherlich, aber kein finanzieller. Und wieviel Geld verschlingt allein das Münstersche Theater? Über 9 Millionen DM. In anderen Städten ist es nicht anders. Dabei verzeichnen die Theater im Gegensatz zu den Kunstinstituten weiterhin einen Abwärtstrend in ihrer Besucherstatistik. Die Relationen sind entschieden verzerrt. Noch verbiesterter werde ich, wenn ich mir vergegenwärtige, daß die Kommunen offensichtlich im Geld schwimmen. Denn wie sonst wäre es zu erklären, daß einzelne Kommunen, kaum haben Bund und Länder und Gemeinden eine gemeinsame Front gegen die überhöhten Gehaltsforderungen der ÖTV und der DAG /zusammengeleimt, daraus ausbrechen und den Kanzler mit seiner anscheinend vorlauten Bemerkung, das 10% Gehalts- und Lohnzulage allenfalls zu vertreten wären, gleich mit ‚desavourieren. Kein Wunder, daß die offerierten Angebote von 10% Finanzzulage bei den Gewerkschaften nur Spott und Hohn ernteten. Und wir gehen mit der Kunst hausieren wie mit alten Aufnehmern. Die Verlogenheit, die in diesem Lande herrscht, überschreitet allmählich sämtliche Grenzen. An der Kultur wird gespart, damit die Müllabfuhr nicht streikt. Manchmal wünsche ich, daß die Müllabfuhr die gesamte Kultur abräumt.

Freitag, den 15. Februar

In Hamburg freunde ich mich mit Les Levine an. Ein unwahrscheinlich intelligenter Künstler, mitunter, und das mit Lust, ausserordentlich boshaft. Eine zierliche Erscheinung, jünger aussehend als er ist, hell wach, doch mit einem Blick, der kein Wässerchen zu trüben scheint. Seine Ausstellung bei de gestlo dreht sich um das Problem der artifiziellen Reproduktion von Wirklichkeit. Es wird demonstriert anhand von Reproduktionen reproduzierter (Postkarten- oder Satellitenfoto) Wirklichkeiten. Gegenstand seines Interesses ist, soweit ich sehe, die Sprache. Freilich begreift er Sprache nicht allein als verbale Äusserungsform, sondern ein komplexes System zwischenmenschlicher Beziehungen in verschiedenen Äusserungsformen. Diese sprachliche Äusserungsformen im weitesten Sinne geben Auskunft über spezifische Haltungen der Realität gegenüber. Levine reproduzierte einen Brief von John Coplans, an ihn adressiert, in dem Coplans unverhohlen seinen Ärger über ein Angebot Levines abreagiert. Allerdings sehr verklausuliert. Der Brief ist in Schreibmaschinenschrift geschrieben. Charakteristisch sind die Schreibfehler, die Coplans macht und die er nur notdürftig verbessert. Sie erteilen präzise Auskunft über seine Verfassung während des Schreibens, präziser als der Inhalt des Briefes es vermag. Levine, der sich ungeachtet einer dezidiert kritischen Realitätssicht, der ein modifiziertes, marxistisches Bewertungsschema zugrunde liegt, durchaus empirisch gibt, geht als ‚Künstler‘ von einer Situation ’nach der Kunst‘ aus. Er beschreibt, demonstriert und weist den völlig vermittelten Charakter einer jeden Realitätserfahrung nach und zugleich damit die Abhängigkeit der Vermittlungschiffren in ihrer ‚Form‘ von äusseren Bedingungen. Deshalb auch die ostentative Kunstlosigkeit seiner ‚künstlerischen‘ Prozeduren. Mir erscheint es reizvoll, mit Les eine Ausstellung zu machen, die diesen komplizierten Problemkreis in deutscher Sprache abhandelt. Ich verabrede es mit ihm.

Nach einem fürstlichen Mittagessen bei Lemke, zusammen mit Levine und Stever, durch Hamburgs Antiquitäten- und Trödelläden. Les ist, wie ich staunend erfahre, Spezialist und Sammler von art-nouveau-Gläsern. Ich unterdrücke nur mühsam meine Langeweile. Les bemängelt die Qualität der in Deutschland angebotenen Objekte.

Dienstag, den 19. Februar

Herbert Zangs, Adolf Luther und ich bauen Zangs‘ Ausstellung auf. Unser Problem besteht darin, aus der Fülle des Materials das herauszusuchen, was in aller Prägnanz die Kraft und Bedeutung dieses imponierenden Werkes belegt. Schneller als ich dachte, sieht Adolf (und damit auch Zangs) ein, daß die Ausstellung nur gelingen kann, wenn man das Material stark reduziert und sich ausschließlich aufs Notwendigste beschränkt. Etliche Ausstellungen werden durch Überfülle ruiniert. In dem Bestreben, alles Wichtige zu zeigen, und was ist angesichts solchen Ehrgeizes nicht wichtig? , wird häufig der Blick auf den Wald durch lauter Bäume verstellt.

Abends mit Jürgen Wissmann, Siegfried Cremer, der seine Sammlung simultan mit dem Werk von Zangs im Landesmuseum präsentiert, Luther und Zangs im ‚Westfälischen Frieden‘. Es wird ein niederrheinischer Abend. Luther erzählt, wie er zu seiner Promotion gekommen, Zangs, wie er kürzlich in Bali dem sicheren Tode entronnen ist. Wir anderen lachen Tränen.

Der Tag hat ein übles Nachspiel. Auf dem Wege zur nächsten Kneipe gerät Zangs, zweifellos ganz schön volltrunken, plötzlich ins Stolpern, fällt hin und reisst unbeabsichtigt zwei Mädchen mit sich, die vor ihm gegangen waren. Luther und ich sind vorweg marschiert und als ich mich, durch den Lärm aufmerksam gemacht, umdrehe, ist eines der Mädchen bereits aufgestanden, unterdes Zangs und das andere sich noch zu entwirren suchen. Um dieses zweite Mädchen, das zunächst am Boden liegen bleibt, kümmert sich Adolf in rührender Weise. Dennoch kriegt ein drittes Mädchen, das mit den beiden niedergeworfenen unterwegs war, einen hysterischen Anfall und schreit nach der Polizei. Prompt mischen sich drei junge Männer ein, die behaupten, sie kennten die Mädchen, und die bislang einigermassen ruhige Atmosphäre beginnt sich, druch die Aggressivität der jungen Leute geschürt, aufzuladen. Luther, um Ausgleich bemüht, schickt sich an zu vermitteln. Vergebens. Als er abdreht um zu gehen, wird er unversehens von einem der jungen Männer gepackt und gegen die Schaufensterscheibe gepresst. Auf meine Bemerkung, dies sei absolut übertrieben, ausserdem sei Luther promovierter Jurist und kenne sich gut genug aus, um das juristisch richtige zu tun, er könne also, da unbeteiligt und kein Zeuge, auch gehen, wenn er wolle, wird er von einem der beteiligten Lümmel hohnvoll abgekanzelt: ‚Wo hast Du denn Deinen Doktor gemacht? ‚ Gedutzt wird grundsätzlich, da die versammelte Meute, nach der Kleidung zu urteilen, stammen sie aus der höheren Mittelklasse, es sind wohl Studenten, in uns Proleten vor sich i zu haben glaubt. Die hysterische Ziege, die nach der Polizei gerufen hat, fällt jäh über Luther her, als dieser zu einem neuen Vermittlungsversuch ansetzt: ‚Was willst Du denn Du geiler alter Bock.‘ Endlich trifft ein Streifenwagen ein, selten habe ich die Polizei freudiger begrüsst. Dank eines ungemein umsichtigen Polizisten regelt sich alles von selbst. Zangs muß seine Personalien abgeben, für ihn wird’s womöglich zu einem Verfahren vor einem Schiedsmann kommen. Auf Betreiben hin zeigt Luther den Kerl, der ihn vorher angefasst hat, wegen Körperverletzung an. Merkwürdig, daß auf einmal niemand mehr etwas gesagt oder getan haben will. Nicht nur unerzogen, sondern auch noch feige. Ich bin erbittert. Das ist mir noch nicht passiert, daß ein Freund von mir, immerhin fast 63 Jahre alt, ohne das Geringste auch nur angestellt zu haben, lediglich (um Ausgleich der Interessen bemüht, dermassen schmählich, dermassen niederträchtig, dermassen dreckig behandelt wird. Das also sind Produkte der modernen Erziehung. Produkte einer im Überfluß dahindämmernden Gesellschaft, die glauben, sich alles erlauben zu können. Anders haben sie es auch wohl nicht gelernt. Von Respekt vor dem Gegenüber keine Spur. Frech, ordinär, flegelhaft, dumm und schliesslich auch noch feige. Daß der andere niedergeschrieen wird, abgekanzelt, zertreten, das ist bereits, da an manchen Universitäten gang und gäbe, vollkommen verinnerlicht worden. Was soll’s. In ihrer Vergötzung setzt die Gesellschaft auf die Jugend. Jung, schön, kräftig und ausgabefreudig. Das zählt. Denkvermögen, Souveränität, Respekt, nicht mehr gefragt. Zum ersten Mal beneide ich Adolf seines forgeschrittenen Alters wegen. Würden solche Leute tatsächlich für das Gros der jungen Menschen heute stehen, fiele es leicht, diese Welt eher verlassen zu müssen als der jüngere Freund. Ich muß mich – sicherlich – vor Verallgemeinerung hüten. Doch die Symptome verkünden nichts Verheissungsvolles.

Donnerstag, den 21. Februar

Pressekonferenz. Gemeinsam mit dem Landesmuseum, das die Sammlung Cremer, die zu grossen Stücken als ständige Leihgabe hier verbleibt, vorzustellen. Zangs weit besser an als ich befürchtete. Auf die Frage, weshalb seine Objekte so kaputt seien wie sie sind, antwortete er schlagfertig: ‚Weil für mich die Welt so kaputt ist.‘ Münsters Journalisten sind glücklich. Endlich ein Künstler! Als weder Zangs noch mir was einfällt, tritt, wie der reitende Bote aus der Theaterkulisse, Adolf Luther auf und erzählt seine Version der Geschichte von Herbert Zangs. Warum die Objekte so kaputt seien, ganz einfach, weil Zangs es stets abgelehnt habe, Geld für Kunst auszugeben. Er habe diese aus weggeworfenem Zeug angefertigt, um sich bestens zu kleiden. Tatsächlich, Zangs sieht stets aus wie aus dem Ei gepellt. Die vornehmste Erscheinung unter den Künstlern, die ich kenne. Im übrigen auch ein Typ. Ein ungeheuer vitaler Typ, mit einer urtümlich künstlerischen Begabung, heutzutage gewiß ausgebrannt, seinerseits kaputt, doch immer noch mit einem raren Gespür für Materialien und Materialkombinationen, für die ästhetische Wirkung simpelster Fügungen. Immerhin, der Coup mit Zangs ist gelungen. In Münster gewinne ich unerwartet Ansehen, ja nach Girke, nach Kosuth, nach Weiner… Keine meiner Ausstellungen ist bei der heimischen Presse in jüngster Zeit ähnlich gut aufgenommen worden wie Zangs‘ Retrospektive. Und sie kann sich indertat sehen lassen. Eine Ausgrabung, die verlohnt hat. Und die Journalisten haben Stoff zum Schreiben.

Freitag, den 22. Februar

Blitzartig geht mir ein Gedanke durch den Kopf: Die Kluft zwischen zeitgenössischer Kunst und Öffentlichkeit, die häufig beklagte, vergrössert sich unweigerlich nicht zuletzt dadurch, daß die sogenannte, klassische Kunst, bis hin zum Expressionismus, durch Museen und die Massen-kommunikationsmittel, Illustrierte und nicht Kunstzeitschriften, stets gegenwärtig gehalten wird. Damit zugleich wird sie stillschweigend, und mitunter sogar unbewußt, zum erstrebenswerten, aber niemals mehr erreichbaren Vorbild im allgemeinen Bewußtsein emporstilisiert. Der Prozeß ist unumkehrbar. Er ist fundiert in den Voraussetzungen und Bedingungen einer ‚informierten‘ Gesellschaft. Die Museen und Massenkommunikationsmittel etablieren ein ‚imaginäres Museum‘. Allerdings nicht im Sinne Malraux’s. Sie vernichten gleichsam die zeitgenössische Kunst, indem sie die Kunst der Vergangenheit sozusagen als einen zeitunabhängigen Wert ausgeben und zu einem absolut gesetzten Denkmal klischieren. Die Kunst der Vergangenheit wird im Gegensatz zur zeitgenössischen nicht historisch betrachtet, sondern als prägende Norm angesehen. Sie erscheint total geschichtslos, zumindest losgelöst aus ihren historischen Umständlichkeiten, währenddessen die zeitgenössische zwar in ihrer Geschichtlichkeit begriffen wird, aber wieder losgelöst von dem konkreten-sozialen Umraum, in dem sie gedeiht. Plessners Ansatz muß weitergedacht, Benjamins hingegen einer kritischen Revision unterzogen werden. Eine These, die ich überprüfen will. Doch woher die Zeit nehmen… Ein charakteristisches Beispiel liefert der ‚Stern‘: Wenn er sich um Kunst bemüht, dann vorab um die (wenn’s nicht um pure Sensation geht), die einem normativen Kunstverständnis entgegenkommt. Publikumswünsche! Und normativ betrachte ich in diesem Zusammenhang als einen Begriff, der nicht festgemacht werden kann an unserer, nicht normativ zu erfassenden Realität. Das Gütesiegel gewissermassen, das frei schwebend ist. So dünken sich die freischwebenden ‚Arschlöcher‘ unter den deutschen Intellektuellen, von denen kürzlich Herbert Wehner sprach.

Samstag, den 23. Februar

Zangs‘ Eröffnung. Es tauchen viele Leute auf, hauptsächlich aus dem riesigen Anhang Adolf Luthers. Aber auch Kunsthändler, die etwas zu wittern vermeinen. Die meisten Besucher sind begeistert, auch meine Vorsitzenden strahlen. Es wird ein schönes Fest, zuerst im Museum, hinterher im Überwasserhof. Schliesslich kriegt es sogar noch einen karnevalistischen Anstrich, bei den anwesenden Rheinländern bricht sich das Karnevalsblut Bahn. Ich fühle mich – als waschechter Rheinländer – richtig wohl.

Montag, den 25. Februar

Karneval übers Fernsehen – irgendwie ist der unechte Rummel kaum noch zu ertragen. ‚

Mittwoch, den 27. Februar

1In Münster wird ein Holland-Festival veranstaltet. Fast ein halbes Jahr lang. Die niederländische Botschaft unterstützt das Treiben finanziell. Auch der Westfälische Kunstverein ist aufgefordert worden sich zu beteiligen. Ich unterbreite ein Programm in den Bereichen Musik, Film und Kunst. Dies sind sicherlich die Sparten, in denen sich interessante Beiträge aufspüren lassen. Ich denke an Künstler wie Jan Dibbets, Ger van Elk, an Ad Dekkers und Jan Schoonhoven, an Filmemacher wie Joris Ivens und Föns Rademakers, aber auch an Verstappen, van Linden und die übrigen von der Gruppe Scoop, die allmählich alle das deutsche Fernsehen aufgesaugt hat, dieser unersättliche Talentschlucker.

Samstag, den 2. März

Vor lauter Wut rollen mir die Tränen über die Backen. Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres zerbricht die Windschutzscheibe meines Autos während der Fahrt. Kurz hinter Münster, auf dem Weg nach Bonn zu Lothar Romain, den ich seit Dezember vergangenen Jahres besuchen will, ohne daß sich bisher ein festgesetzter Termin hat realisieren lassen. Ich fahre zurück nach Hause und unternehme einen neuen Anlauf mit dem Zug. Mit drei Stunden Verspätung treffe ich ein. Im Laufe des Abends gewinne ich Lothar Romain für die Eröffnung der Ausstellung ‚Geplante Malerei‘, die mich zunehmend in Anspruch nimmt.

Montag, den 4. März

Nur mählich neugierig sichte ich das Material, das für den Katalog der Ausstellung ‚Geplante Malerei‘, die am 30. eröffnet werden soll zusammengekommen ist. Was ich erblicke, entfacht meine Begeisterung nicht. Obwohl wir schon vor Monaten sämtliche der beteiligten Künstler angeschrieben haben mit der Bitte, uns Fotos und ein kurzes Statement zu schicken, haben einige nur das eine oder das andere, einige überhaupt nichts gesandt. Lediglich aller Einverständnisse, an der Ausstellung teilzunehmen, sind eingetroffen. Immerhin etwas. Infolgedessen müssen wir anfangen zu rotieren. Telefonanrufe, Telegramme, der Apparat läuft heiß. Ein Glück, daß meine Mitarbeiter stets auf Anhieb mitspielen, sonst wäre ich aufgeschmissen und eine Ausstellung vom Umfang und Anspruch der ‚Geplanten Malerei‘ könnte kaum je fristgerecht ausgeführt werden. Es ist, als wollte man Ölsardinen mit Heringsnetzen fangen; immer wieder fällt ein Detail, das zu beachten ist, durch die Maschen. Improvisation ist Trumpf, Sorgfalt, so notwendig sie ist, steht erst an zweiter Stelle. Heute wollte ich sämtliche Unterlagen an den Drucker schicken, ausgenommen selbstredend meinen Text, den ich noch garnicht begonnen habe.

Dienstag, den 5. März

Ein Glück, daß ich bereits für ‚data‘ über das Phänomen der Malerei geschrieben habe, das ich unter dem sicherlich umstreitbaren Titel ‚Geplante Malerei‘ vorstellen will. Darauf fuße ich. Eigentlich wollte ich etwas Neues schreiben, aber dazu fehlt mir die Zeit. Also ergänze ich den vorhandenen Text, erweitere ihn, wo es mir nötig erscheint, verändere ihn insbesondere im Hinblick auf Raimund Girke, dessen Arbeit ich jetzt nach seiner Rückschau in Münster schärfer sehe als zu dem Zeitpunkt, wo ich den Text für ‚data‘ zusammenstellte. Die Einführung fällt mir trotzdem nicht leicht. Denn was ist schon neu an dem malerischen Phänomen, das ich so umfassend ‚illustrieren will‘? Weniger die Malerei, zumal etliche der beteiligten Künstler bereits seit Jahren, ja sogar Jahrzehnten im Kunstbetrieb eine Rolle spielen. Neu ist vielleicht lediglich der Blick darauf. Mit anderen Worten: durch die Entwicklung der Kunst in den letzten Jahren sind wir in die Lage versetzt worden, eine Malerei, die bislang unter den verschiedenartigsten Bezeichnungen mitgesegelt ist, in ihren entscheidenden Voraussetzungen zu erkennen und deshalb erst richtig, nämlich nach ihren Voraussetzungen, verstehen zu können. Wobei es bei dieser Art der Malerei mit dem ‚verstehen‘ eine Sache für sich ist. Denn ‚verstehen‘ im eigentlichen Sinne des Wortes kann man sie nicht, ‚verstehen‘ verstanden als intellektuellen Prozeß, der intellektuell überprüfbar ist, Verstehen‘ kann man sie vielmehr nur mit den Sinnen, den Augen in diesem Falle, die sich jedwedem intellektuellem Besteck als überlegen erweisen. Dennoch entsteht, bedingt durch eine rationale Planung, die allen Bildern der Ausstellung ‚Geplante Malerei‘ zugrunde liegt, keine Gefühlsseligkeit, sondern eine durchaus kontrollierte, äusserst subtile, intellektuell womöglich auch durchmusterte, sinnliche Erregung, so wie wenn man sich bei einem vorzüglichen Essen über eine besonders pikante, eine besonders ausgefallene Saucen-Zusammenstellung zu freuen vermag. Keine Sensation, zumal keine optische, stattdessen eine untergründige Inanspruchnahme, eine Fesselung der Augen derjenigen, die sich noch nicht haben blind machen lassen von dem Terror der Bilder, die alltäglich über uns hereinbrechen. Im Fernsehen, im Kino, in den Zeitungen, in den Illustrierten. Für die anderen ist sie eine Provokation, die ihre Blindheit erweist. Wer will: eine Re-Sensibilisierung ist das Ziel der ‚Geplanten Malerei‘ – hinweg mit dem Titel -, die mal als Zero-Kunst, mal als Monochromie, mal als wieder etwas anderes gefeiert wurde, ohne es zu sein, auch wenn mancher Gesichtspunkt eine solche Zuordnung gerechtfertigt haben mag. Neu ist, daß man dies sieht. Und die Frage ist nun die, ob eine neue Sehweise neu ist, oder ob der Grad der Neuigkeit sich ausschließlich von dem Gegenstand, der gesehen wird, herleiten lässt. Vielleicht erliege ich nur dem Traum des Ausstellungsmachers, der ’seine‘ Kunst am liebsten selber herstellen möchte, wäre da nicht die Begeisterung, die Überzeugungskraft einzelner Künstler wie Gaul und Girke, wie Zappetini und Olivieri, wie Zeniuk und Gonschior, wie Rüden und Renouf, die den Plan für eine derartige Ausstellung teils ausgeheckt, teils nachdrücklich gefördert haben. In Italien offensichtlich ist diese ’stille‘ Malerei – wie sie Hannes von Gösseln nennt – schon voll in Resonanz begriffen. In der Bundesrepublik wird sie es wohl sehr schwer haben.

Donnerstag, den 7. März

Drei Tage Arbeitsurlaub, eine Kombination von Erholung und Arbeit. Ich muß nach Amsterdam, um Bob Rymans Retrospektive im Stedelijk Museum zu sehen. Einerseits bereite ich eine Ausstellung des gesamten grafischen Werks von Ryman vor, andererseits ist Ryman einer der Hauptprotagonisten der Ausstellung ‚Geplante Malerei‘ und einer ihrer verlässlichsten Zeugen. Ich nehme Freunde mit. Allein verreise ich ungerne. Reizvoll ist für mich die Reise nach Amsterdam noch durch einen zusätzlichen Gesichtspunkt. Ich treffe dort Raimund Girke. Und ich bin erpicht darauf, mit ihm zusammen Rymans Ausstellung anzuschauen, im Angesicht der Bilder des Amerikaners seine Reaktionen mitzuerleben, mit ihm darüber zu diskutieren. Auch will ich selbst mein Wissen überprüfen. Nachdem ich mich so ausführlich mit Girke beschäftigt habe, ist mir bei meiner Kenntnis des Werks von Robert Ryman der Gedanke gekommen, daß beide Künstler ungeheuer vieles miteinander gemeinsam haben. Dabei kennen sie sich beide nicht, kennen nicht einmal die Arbeit des anderen. Girke allenfalls hat im letzten Jahr einige Ryman-Bilder gesehen.

Es ist später Nachmittag, als wir in Amsterdam eintreffen und den Wagen vor dem Stedelijk-Museum parken. Das Wetter ist schön, doch von der See her weht ein eiskalter Wind. In der Cornelisz Hooft Straat ist eine kleine Bar, eine wie sie typisch ist für Amsterdam, eigentlich für alle niederländischen Städte. Ein Rundum-Tresen, davor hocken die Leute, trinken ihre Tasse Kaffee oder ein Bier. Wir odern Bier, das schöne Heineken-Bier, das gegen Durst Wunder wirkt und das nicht einmal imstande ist, ein halbjähriges Kind betrunken zu machen. Ich bestelle einen alten Genever dazu, vier Stunden Fahrt, immer das wachsame Auge auf die Tachonadel, damit die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht um mehr als 10% überschritten wird, haben mich angestrengt. Eigentümlich, die offene Atmosphäre der Stadt umfängt mich sofort. Bereits in dieser unauffälligen Bar. Wir trinken noch ein weiteres Bier, ehe wir zu dritten der drei Helmers Straats hinüberschlendern, wo wir Raimund Girke im Hotel Amsterdam treffen sollen. Das ist geschlossen, an der Tür hängt ein Zettel: sind nebenan. Ein kleines Hotel mit schwindelhoher, steiler Stiege, mit netten Wirtsleuten, und unwahrscheinlich billig. Zumindest für deutsche Verhältnisse. Wir gehen durch Amsterdam, irgendwo am Leidse Plein, finden wir eine wundervolle Kneipe mit Spielautomaten, einen Kellner, der kaum davon zu trennen ist, wir finden ein hübsches chinesisches Lokal, schliesslich eine andere herrliche Kneipe mit einem grossen Tisch in der Mitte und Kellnern, von deren spontaner Freundlichkeit der durch deutsche Gastfreundschaft mißtrauisch Gewordene so beeindruckt ist, daß er das Trinken vergißt. Schlag ein Uhr lehrt sich das Lokal, wir wechseln abermals und finden dank der Vermittlung eines Schwarzen ein Tanzlokal, wo es ausgezeichnete Jazz-Musik gibt.

Freitag, den 8. März

Girke ist schon in der Ryman-Schau, wir stöbern ihn dort auf. Zunächst bin ich verstört. Gewöhnt an die knall-weissen Räume des Landesmuseums in Münster, die Girkes radikalen Bildern den radikalen Untersatz verschafft haben, verschrecken mich die dunklen, braunen Rupfenwände des Stedelijk-Museums, auf denen sich selbst Rymans Großformate merkwürdig blaß ausnehmen. Zudem, scheint mir, ist die Ausstellung ungeschickt gehängt, grosse Formate und winzige willkürlich durcheinander gemixt, wobei mitunter mißglückte Versuche gestartet worden sind, die ungleichen Formate durch symmetrische Hängungsweise miteinander in Korrespondenz zu setzen. Das Ergebnis überzeugt nicht. Ausserdem bin ich darüber erstaunt, daß keines der Bilder, die ich kenne, in der Ausstellung vertreten ist, daß sie vielmehr aus Material besteht, welches mir völlig unbekannt ist. Das ist einerseits interessant, insbesondere was die frühen Arbeiten anbetrifft, die klar Rymans Herkunft aus einer informellen – wenn’s erlaubt ist – Malerei belegen, welche von Twombly, bisweilen auch von Johns inspiriert wurde. Andererseits fehlen deshalb der Ausstellung einige wesentliche Bilder wie etwa jenes, das dem Kunstmuseum in Basel zugehört und das auf der documenta 5 gezeigt wurde. Dennoch erweist sich Rymans exzeptioneller Rang. Nur: besser als Girke ist er tatsächlich nicht. Wobei die Kategorie ‚besser‘ ohnehin als fragwürdig angesehen werden muß. Aber noch etwas erweist die Ausstellung: daß Ryman weniger malerisch ist als Girke, daß er dafür experimentierfreudiger ist mit Stoffen, die in der Malerei kaum oder garnicht verwendet werden. Er verfügt über eine stupende Begabung, die simpelsten Materialien, Papier beispielsweise, zu ästhetisch ungemein ansprechenden Tableux zusammenzusetzen. Geradezu aufregend muten etliche Großformate an. Obwohl mit den sparsamsten Mitteln ausgestattet, weiße Farbhandschrift, mal fein, mal grob strukturiert über die gesamte Fläche, vibrieren sie vor untergründiger Vitalität. Geht man seitwärts, sieht man, wie das Licht auf den Farbstrukturen spielt, die Bilder verändern sich unmerklich. Die braunen Wand-Gründe durchkreuzen die Radikalität dieses künstlerischen Entwurfs. Ich bin sicher,, in Münster hätte die Ausstellung stärker gewirkt, weil dort die Bedingungen für derlei Kunstäusserungen geeigneter sind. Raimund bestätigt meinen Eindruck, vermittelt mir manches technische Detail, das ich, handwerklicher Laie, übersehen hätte. Ich halte nach wie vor an meiner Auffassung fest, daß das künstlerische Werk von Ryman und Girke überraschende Parallelitäten besitzt. Allerdings besteht ein kardinaler Unterschied: Ryman ist – pragmatischer Amerikaner – in seiner künstlerischen Attitüde unbefangener, Girke – problembewußter Europäer – dagegen reflektierter, meinethalben auch kultivierter.

Wir lassen uns treiben, von Café zu Cafe, vorbei am Tuschinski-Kino, einem in vollkommener Reinheit erhaltenen art-deco-Kino, fahren zum Markt an der Kinker-Straat, wo Jan Dibbets jahrelang wohnte, kaufen meine heißgeliebten drops – gleich zwei Kilo der verschiedensten Sorten, -besuchen die art-and-project-Galerie, wo ich Ger van Elk kennenlerne, mit dem ich eine Ausstellung in Münster plane, essen indisch, eine interessante Küche auf Curry-Basis, und beenden den Abend wieder da, wo die Jazz-Musik spielt. In Amsterdam läuft George Cukors letzter Film ‚Travel With My Aunt‘ nach Graham Greenes hinreissendem Roman, der beste Film des über siebzigjährigen George Cukor, der wohl niemals in Deutschland zu sehen sein wird, da selbst das Fernsehen kein Interesse daran bekundet hat. Ich bedaure heftig, daß ich ihn nicht sehen kann, morgen bereits muß ich in Köln sein, um Girkes Ausstellung bei Teufel zu eröffnen. Man sollte, fällt mir ein, das Alterswerk der grossen Filmemacher untersuchen, der Chaplin, Ford, Hawks, Hitchcock und auch Cukor. Ich glaube, man fördert überraschende Tatsachen zutage. Die Abgeklärtheit der Alten, verbunden mit einer Beherrschung der technischen Mittel, die aus dem jahrzehntelangen Umgang mit dem Medium Film herrührt.

Montag, den 11. März

In der Volkshochschule Münster bespreche ich alle Details über die Gründung des Filmclubs Münster, die Kunstverein und Volkshochschule vornehmen wollen. Damit auch Münster endlich sein unabhängiges Kino und der Film eine Spielstätte erhält, wo er nicht ausschließlich nach kommerziellen Aspekten behandelt wird.

Mittwoch, den 13. März In Karlsruhe ein Streitgespräch über zeitgenössische Kunst mit Lothar Günther Buchheim. Der Kunstverein hat es angeregt, nachdem Buchheim anlässlich der Eröffnung seiner Expressionisten-Sammlung gegen Leute, die Fett in die Ecke schmieren oder Scheisse in Dosen abfüllen samt deren Hochjubler gewütet hatte. Ich bin dazu ausersehen, ihm in die Parade zu fahren. Das Resultat dieses Unterfangens ist traurig. In dem Bemühen, die Basis für meine Argumentation zu mauern, überfordere ich mich und die Zuhörer. Ich liefere einen zwanzigminütigen Abriß über die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst unterm Aspekt des Materialrealismus und bringe so etwas wie das ‚Beste‘ aus der Kunst zustande. Der Disput mit Buchheim ist unerquicklich. Buchheim platzt fast vor Eitelkeit, ist überdies erkältet, was er auch für sich ausschlachten will. Er lässt mich kaum zu Wort kommen, wittert nur Angriff und verlässt schliesslich gekränkt das Podium, als der Gesprächs-Moderator ihn darauf hinweist, daß er nicht zur Kriegsberichterstattung angetreten sei. Es sind fast die gleichen Invektiven gegen die zeitgenössischen Künstler, die ehedem den Expressionisten entgegengeschleudert wurden. Buchheim sollte sich da eigentlich auskennen. Schade, ich hätte ihn gern näher kennengelernt. Immerhin habe ich seinen U-Boot-Roman mit ähnlichem Interesse gelesen wie seinerzeit ‚Die Drei Musketiere‘.

Donnerstag, den 14. März

Mit Till Osterwold bespreche ich Einzelheiten über die Ausstellung ‚Kunst und Reproduktion‘, die wir unter seiner Federführung im Verein des Ausstellungsbundes machen werden. Er fühlt sich augenscheinlich sehr wohl in Stuttgart, und ich reise ab mit der erneut bestärkten Meinung, daß Osterwold sicher bald zu den profiliertesten Ausstellungsmachern in der Bundesrepublik zählen wird. Er hat Lust an der Sache, einen kühlen Blick für die Zusammenhänge und vergisst nie, daß der Spaß, den man selber an der Arbeit hat sich auf die überträgt, an die sie addressiert ist.

Freitag, den 25. März

In Düsseldorf, in der Druckerei sehe ich mir die Fahnen des Kataloges ‚Geplante Malerei‘

Montag, den 26. März

Ich stehe auf dem Sprung, um mit dem Aufbau der Ausstellung ‚Geplante Malerei‘ zu beginnen. Fast alle Transporte sind eingetroffen, aus Italien, Frankreich und der Bundesrepublik. Zwei Bilder von Graubner und eine Arbeit von Ryman werden morgen noch geholt. Vorher aber muß geräumt werden: die Ausstellungen ‚Sammlung Cremer‘ und ‚Herbert Zangs‘. Zangs übrigens verzeichnete über 6 500 Besucher. Ohne daß die Schulklassen mit gezählt wurden. Ein neuerlicher Fortschritt. Girke hatte – bis dahin meine ‚erfolgreichste‘ Ein-Mann-Schau – knapp 1000 weniger.

Dienstag, den 26. März Gemeinsam mit Ursula Kleine, meiner Assistentin, Jerry Zeniuk, der eigens aus Hamburg gekommen ist, und Gerd Schind-ler starten wir die Inszenierung. Ein grobes Konzept hatte ich mir bereits ausgemalt, indem ich gewisse Gruppierungen vorgenommen habe. Danach stellen wir die Bilder zusammen. Doch ziemlich rasch ergibt sich, daß dies nicht funktioniert. Graubner, Hofschen, Zeniuk, Berthot, Marden in einem Raum – ihre Bilder schlagen sich gegenseitig tot. Die Aura, die unangenehme, bedrohliche, eines Mausoleums entsteht. Ich überlege hin und her, derweil wir die Bilder hin und her schieben, ohne daß sie sich überhaupt sinnvoll kombinieren lassen. Dann kommt mir eine Idee: wenn man Graubner unter die europäischen Maler gibt, und statt seiner Ryman und Girke zu Marden, Hofschen, Zeniuk, Berthot gesellt? Jerry stimmt zu, Ulla Kleine nicht. Dennoch fuhren wir meinen Gedanken aus, und unversehens klärt sich der Raum, der sich bislang verengt und einen leblosen Eindruck hinterlassen hatte. Mit einem Mal erhält er seine ursprüngliche Großzügigkeit wieder, er fängt an zu atmen, geht auf die Bilder ein wie die Bilder auf ihn eingehen, so daß sich das Ganze zu einem Environment rundet, zu einem Raum mithin, in dem alles aufeinander abgestimmt ist und trotz der Individualität jedes der gezeigten Kunstwerke ein abgeschlossener Eindruck vermittelt wird. Edda Renoufs Bilder, vier kleine, die im Format genau zu Rymans fünf passen, ergänzen das Bild nahezu perfekt. Raumerlebnisse tatsächlich gilt es zunächst zu transportieren, und über die gewonnenen Erfahrungen des Raumes muß der Besucher an die einzelnen Bilder herangeleitet werden. So verstehe ich Ausstellungs-Regie. Freilich ist man ohne die erforderlichen räumlichen Bedingungen verloren wie ein Nudist in einem jäh hereinbrechenden Blizzard. Das Entree bereitet weniger Kopfzerbrechen, die Bilder von Winfred Gaul und Carmengloria Morales harmonieren ausgezeichnet. Der zweite grosse Raum, den wir eigentlich total weiß erhalten wollten, wirft schon gewichtigere Probleme auf. Doch klärt er sich schliesslich rascher als ich argwöhnt hatte. Nachdem wir den Arbeiten Graub-ners die Stirnwand zugeteilt haben, ergibt sich fast alles wie von selbst. Die eine lange Wand mit Zappetini, Gonschior, Gastini, die oppositionelle Stirnwand mit einem grossen Tuch von Griffa, daran anschliessend Nigro und Mields, die Strukturalisten, und danach, auf Graubner zulaufend, Erben sowie Guameri. Jetzt gilt es nur noch, die Abstände zwischen den einzelnen Bildern wie den einzelnen thematischen Einschnitten aufs Präziseste miteinander abzustimmen, um den Raum so zu rhythmisieren, daß der Besucher sozusagen unmerklich ‚eingeschmeichelt‘ wird, will sagen: daß er sich auf Anhieb wohl fühlt, ohne zu wissen, weshalb. Um dies zu erreichen, muß man auf die Millimeter genau hängen, sobald eine Rhythmusstörung auftaucht, wird der Gesamteindruck dermassen gestört, daß die Ausstellung erheblich an Überzeugungskraft verliert. Doch dieses ausgefeilte Parzellieren verschieben wir auf den anderen Tag. Es ist fast zehn Uhr abends.

Mittwoch, den 27. März

Wir schicken uns an, den vierten Raum zu gestalten. Das ist deshalb nicht leicht, weil er, kaum Tageslichteinfall, künstlich beleuchtet werden und infolgedessen, da es keine Spots gibt, die grosse Bilder fleckenfrei ausleuchten können, mit kleinen Formaten arrangiert werden muß. Er ist prädestiniert für die Bilder Calderaras, Teraas, van Severens und Tornquists. Ehe wir ans Ausfeilen gehen, die letzten beiden Räume. Einer gerät uns regelrecht zur Kathedrale. Ein nahezu quadratischer Raum. Hier siedeln wir nur vier grosse Hochformate an. Von Geiger, aus den fünfziger Jahren, und von Olivieri, zwei rote, zwei schwarze, die roten ins Schwarze, die schwarzen ins Blaue ablaufend, leicht versetzt, in Mühlenform -eine Idee Ursula Kleines -, man wird fast ‚auf die Knie gezwungen‘. Am Schluß arrangieren wir die Bilder Winzers, zur Konfrontation mit denen Dieter Rudens, die erst morgen aus Berlin kommen werden.

Wir sind mitten in der Arbeit, als die nächsten Künstler anrücken. Winfred Gaul mit Claudio Olivieri, Gianfranco Zappetini und dem Kunsthändler Roberto Peccolo, der in Italien schon zwei umfangreiche Ausstellungen gleichen Inhalts, obschon nicht gleicher Besetzung, organisiert hat.

Freitag, den 29. März

Pressekonferenz. Obwohl wir über 100 Journalisten eingeladen haben, obwohl ich die ‚Wichtigkeit‘ der Ausstellung ausdrücklich betont habe, erscheinen nur drei. Alle aus Münster. Mühsam unterdrücke ich meine Enttäuschung. Dennoch: ich bin mit der Ausstellung voll zufrieden, auch wenn ich den einen oder anderen Künstler vielleicht draussen gelassen hätte. Aber darüber kann man streiten.

Samstag, den 30. März Die Eröffnung wird zu einem Triumph. Lothar Romain hält ein brillantes Einführungsreferat, das sich garnicht auf Einzelheiten der Ausstellung einlässt, dazu auf meinen Katalogtext verweist, sondern den thematischen Vorwurf der Schau ins Politische verlängert. Ein bestechender Vortrag. Fünfzehn der 26 beteiligten Künstler sind gekommen, Kunsthändler, Museumsdirektoren, allerdings kaum aus der Bundesrepublik, Kritiker, Freunde, Kollegen… Ich höre viele Komplimente, was mich wieder versöhnt nach dem Reinfall mit der Presse. Es wird ein Fest, und meine Wohnung, durchaus nicht klein, fasst nur schwer die über hundert Leute, die nach Mitternacht die Party bevölkern. Sogar Gotthard Graubner und Reiner Ruthenbeck treffen ein, die zur Eröffnung nicht kommen konnten. Der Aufwand, dessen bin ich sicher, hat sich gelohnt. Ich jedoch fühle mich wie ‚erschlagen‘, wie von innen nach aussen gekehrt.

Mittwoch, den 3. April In Münsters Volkshochschule heben wir den Filmclub Münster aus der Taufe. Am 28. April wirds losgehen mit John Hustons ‚Malteserfalken‘. Fünf thematische Komplexe: poetischer Realismus im französischen Film der dreissiger Jahre. Vigo, Renoir, Filme mit Humphrey Bogart, Filme aus der dritten Welt, Klassiker des Sowjetfilms, Eisenstein, Pudowkin, Vertov, und Filmclub aktuell. Ein Einführungsprogramm, um Interessenten anzusprechen.

Donnerstag, den 4. April

Zur Mitgliederversammlung mit Vorstandswahlen erscheinen zweiunddreissig Mitglieder. Zwei mehr, als zur Beschlussfassung vonnöten sind.

Freitag, den 5. April

Hofschens Eröffnung bei de gestlo in Hamburg mit einigen hervorragenden Bildern. Ich sichere mir die Option für die erste ‚museale‘ Einzelausstellung Edgars in der Bundesrepublik.

Donnerstag, den 18. April Bei Konrad Fischer in Düsseldorf hole ich mir die Liste für unsere nächste Ausstellung: sämtliche Grafiken von Robert Ryman. Es wird langsam Zeit, diese Ausstellung vorzubereiten.

( wird fortgesetzt )