Monografie · von Anselm Crämer · S. 137
Monografie , 1973

ANSELM CRÄMER

Alfred Hofkunst

Alfred Hofkunst verwaltet einen Lehrstuhl für Augentäuschung. Der dreißigjährige Großformatzeichner hat vor seiner Berufung auf diese Position im Vorfeld des ‚Neuen Realismus‘ schon eine phantastische Phase durchlaufen, aus der er einen Schuß skurrilen Humors mitgenommen hat: Im Vorraum seiner deutschen Museumspremiere in der Hamburger Kunsthalle (übernommen vom Kunstmuseum Winterthur mit Werken aus den Jahren 1968-72) steht ein großer Globus der 1969 auf Bestellung Jean Tinguelys angefertigt ist.

Auf seiner geweißten Oberfläche spielen sich Substitutionsmanöver ab, die Geografiekenntnisse und Zeitgeschichte spöttisch ins Metaphorische übersetzen: Italien als Stiefel, das schwarze Meer schwarz, Maschendraht über der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, ein Krebs balanciert auf dem Wendekreis, Havanna als Zigarre, ein Steinpilz über Hiroshima und ein ‚Löchli‘ am A…. der Welt.

Dies surreale Vorspiel macht einer systematischen Fleißarbeit Platz, deren bisher umfangreichste Produktion die Zeichnung ‚Atelier‘ ist. Hofkunst hat vier Monate an ihr gestrichelt; sie ist das 3 x 6,2 x 7,4 Meter große Ebenbild seines Ateliers und so etwas wie die Zwischenbilanzsumme aller seiner Bildeinfälle und Vorlieben. Durch Tür und Fenster der lebensgroßen Sperrholzkonstruktion blickt man auf das karge Instrumentarium einer Werkstatt des schönen Scheins. Diese halb denunzierende, halb feiernde Metapher der Kunstphilosophie ist wörtlich genommen, indem alle Ausstattungsstücke an die Wand hinter ihren Platz gezeichnet sind: Heizkörper, ein Telefon, Profile und Leibungen von Tür, Fenster und Fußboden, ein Lineal, Elektroinstallation. Die Zelle am Türholz sind so künstlich vorgetäuscht wie der Klebstreifen, mit dem sie angeheftet sind. An der Wand lehnende Bilder aus eigener Produktion wiederholen, Scheinschatten werfend wie das über den scheingemaserten…

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