Titel: 150 Jahre Fotografie II , 1976

Klaus Honnef

Aspekte eines Mediums

Die Fotografie im Spiegel einer Kritischen Analyse

Die Fotografien tragen das Kainszeichen der Dutzendware. Fotografien wie diese verlassen jeden Tag tausendfach die Entwicklungslabors der großen Fotofirmen in Europa, in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Japan. Ihre Motive sind einem dermaßen vertraut, daß man leicht geneigt ist, sie überhaupt nicht mehr bewußt zur Kenntnis zu nehmen. Ihre Bild-Rhetorik hat sich eingeschliffen.

Warum sich also damit beschäftigen?

Die naheliegendste Antwort wirkt auf den ersten Blick allzu simpel. Und dennoch ist sie nicht nur die plausibelste, sondern auch die tragfähigste und zugleich noch provokanteste.

Die Fotografien stammen von Christian Boltanski. Sie stammen von einem Künstler, der sich gerne als ‚Maler‘ bezeichnet, obwohl er Gemälde, zumindesten, was man üblicherweise darunter versteht, niemals erzeugt, jedenfalls niemals öffentlich vorgeführt hat.

Doch sich mit diesen Allerweltfotos nur deshalb beschäftigen, weil sie ein Künstler hervorgebracht hat?

Der vordergründigste Einwand, daß es nicht notwendig sei, sich mit allem und jedem, was Künstler anfertigen, auseinanderzusetzen, trifft nicht. Er trifft in diesem Falle um so weniger, wenn ihm als Begründung mitgegeben wird, daß Boltanskis Fotografien einer ausgiebigen Analyse nicht standhielten, weil sie einfach keinerlei Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen könnten. Oder, noch gravierender, daß sie schon nach den primitivsten Anforderungen, die man in der Kunst zu stellen sich angewöhnt habe, als vollkommen kunstlos klassifiziert werden müßten.

Der Einwand ist gegenstandslos. Denn Boltanski jongliert genau auf der schwankenden Brücke, deren Pfeiler durch die Begriffe ‚Kunst‘, ‚Allgemeinverbindlichkeit‘ und ‚Kunstlosigkeit‘ gebildet werden.

Hier nämlich liegt der ausschlaggebendste Punkt. Hier entfaltet die fotografische Strategie von Christian Boltanski ihre eigentliche Sprengkraft.

Als Boltanski…

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