Kommentar · von Klaus Honnef · S. 247
Kommentar , 1976

Klaus Honnef

Tagebuch

Montag, den 18. Oktober

Wer anzweifelt, daß sich die traditionellen Bildkünste selber zum Problem geworden sind und daß ihre Urheber, die Künstler, mit schier verzweifelten Anstrengungen sich darum bemühen, ihnen noch irgendetwas Aussagewertes abzuringen – hier ist das dramatische Wort wirklich einmal am Platze -, der richtet seinen Blick entweder rückwärts und ignoriert, was passiert, oder er klammert sich an einen Kunstbegriff, der statisch ist und allenfalls zur Vermarktung problemloser Bildmuster dient. ‚Van Goghs Begräbnis‘ heißt die neueste Ausstellung von Malcolm Morley im Clock Tower, downtown Manhattan. Bilder unterschiedlichster Ausrichtung hängen an den ruppigen Wänden im zwanzigsten oder einundzwanzigsten Stockwerk eines Gebäudes, wo drunter die alltäglichen Gerichtsfälle des Quartiers verhandelt werden. Alle Bilder drehen sich um eine Frage: ist es möglich, heutzutage zu malen angesichts einer Wirklichkeit, deren künstlerische Interpretation letzten Endes doch wohl immer eine Art Aufschönung bedeutet? Monatelang ist Morley mit diesen Bildern, vielleicht zwanzig an der Zahl, herumgezogen, hat sie den einschlägigen Kunsthändlern zur Ausstellung angeboten, hat sich Absagen geholt, bis er schließlich die Plattform des Clock Towers, einer städtisch subventionierten Institution für Künstler, nutzen konnte, um sie der Öffentlichkeit vorzuführen. Es sind heillose Bilder, heillos in jeder Beziehung. Sie sind häßlich, unansehnlich, sie lassen sich nicht einmal stilistisch über einen Leisten schlagen: Bilder, seinen früheren Postkarten-Darstellungen ähnlich, aber verkorkst, schluddrig gemalt, shaped canvasses, ohne Eleganz, zusammengeschustert, Absage an die brillante Manier von einst, combine paintings, wogegen sich Rauschenbergs berühmte Arbeiten der sechziger Jahre wie hochpolierte Luxusmodelle ausnehmen. Ein Künstler, der so oft bewiesen hat, daß er…

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