Ausstellungen: Den Haag , 1987

Raimund Stecker

Carl André

Gemeentemuseum Den Haag
Van Abbemuseum Eindhoven

Johann Gottfried Herder war es im ausgehenden 18. Jahrhundert, der das Mehr einer Plastik gegenüber einem Bild darin erkannte, daß sie zusätzlich zum Gesichtssinn auch den Tastsinn fordert, daß sie also nicht nur gesehen, sondern auch getastet zu werden verlangt. Unter anderem gibt er uns mit dieser Differenzierung zu bedenken, daß die tradierten Begriffe »Skulptur« und »Plastik« heute, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, nicht mehr zu greifen vermögen, da sie ja nur auf die Technik des Gemachtwordenseins eines Werkes abzielen. Oder sind Carl Andrés Plattenarbeiten mit einem technischen Begriff zu greifen, der das Behauen eines Steines bezeichnet? Oder mit einem, der für das Modellieren aus Gips oder Ton steht? Herder verließ diesen Weg und unternahm den Versuch, wesenhaft das Wahrnehmen zu differenzieren, gleichsam rezeptive Kategorien zu formulieren. Und daß diese Überlegungen noch heute Gültigkeit besitzen, belegt u. a. der Katalog zur Düsseldorfer Ausstellung »SkulpturSein«, indem sie auch wieder ausschnittweise abgedruckt sind.

Zweifellos entziehen sie sich nicht unserem Sehen, die Arbeiten von Carl André, und auch nicht unserem Tasten. Zweifellos aber auch handelt es sich bei seinen Arbeiten nicht um Werke, die eine eigenständige Existenz für sich beanspruchen. Weder also sind es Skulpturen, noch Plastiken, nicht einmal mehr »Werke«. Es sind Situationen, die André schafft. Das Gegebene wird durch die Präsenz des von ihm Gemachten neu bestimmt, was bedeutet, daß eine völlig neue Situation entsteht: Der Umraum bei Innen- oder das Umfeld bei Außenarbeiten wird durch seine Arbeiten zu einem Anderen. Und dies bedeutet: Das Ganze,…

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