Ausstellungen: Paris · S. 281
Ausstellungen: Paris , 1987

Klaus Honnef

Japan der Avantgarden 1910-70

Centre Pompidou Paris, bis 2.3.1987

Also haben sie doch geklaut – solch‘ gängige Vorurteile über Japan und die Japaner scheint die großangelegte Schau des Centre Pompidou über eine Epoche japanischer Kunstentwicklung unter dem Titel ‚Japan der Avantgarden 1910 bis 1970‘ auf den ersten Blick zu bestätigen. Eigentümlich nur, daß die Ausstellung da ihren Endpunkt findet, wo das Vorurteil sich aufzulösen begann: Denn seit den 70er Jahren hat sich die Perspektive verkehrt. Europa, die Vereinigten Staaten von Amerika, das kulturreiche Abendland und sein vitaler Erbe, starren seither gebannten Blicks auf die massive Wirtschafts-, aber auch die frappierende Innovationskraft des fremden Landes im. fernen Osten. In der Pariser ‚Kulturfabrik‘ signalisieren ein paar Rundfunk- und Fernsehgeräte am Ausgang, daß Japan in den letzten 15 Jahren den Status eines Entwicklungslandes hinter sich gelassen hat. Mit der japanischen Kommunikations-Technologie ist ein neues Weltzeitalter angebrochen. Insofern vermittelt die üppig ausgestattete Schau ein falsches Bild des heutigen Japan, zumindest ein schiefes. Angesichts des Standards japanischer Kultur ist europäischer Hochmut nicht angebracht. Was das Unternehmen gleichwohl so ungeheuer spannend macht, ja dem Ausstellungsbesucher gelegentlich den Atem raubt, ungeachtet der mitunter lähmenden Fülle durchweg mittelmäßiger Kunstwerke, ist, daß es einen Eindruck von jener rapiden Geschwindigkeit vermittelt, mit der Japan die europäischen Kunstentwicklungen adaptiert hat. Das vollzog sich vor dem Hintergrund einer gewachsenen und übermächtigt wirkenden kulturellen Tradition. Hin und wieder blitzt auf, welchen tiefgreifenden Friktionen die japanische Gesellschaft während unseres Jahrhunderts ausgesetzt war. Dabei ist die Anverwandlung europäischer kultureller Denk-, Seh- und Baumuster keineswegs bloße Attitüde…

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