Titel: Malerei - Radikale Malerei , 1987

Lorenz Dittmann

Was Bedeutet: Befreiung der Bildfarbe?

In der Malerei des 20. Jahrhunderts wird Farbe zum autonomen Gestaltungsmittel. Möglichkeiten und Grenzen solcher Autonomie seien im folgenden am Beispiel einiger ausgewählter Werke erörtert.

Hans Jantzen schloß seinen für die Koloritforschung grundlegenden Aufsatz „Über Prinzipien der Farbengebung in der Malerei“ mit einem Hinweis auf die Entwicklung der neuzeitlichen Farbgestaltung: „Die Entwicklung der Prinzipien in der Farbengebung ist bedingt gemäß der Absicht, Raumdarstellung durch immer neue Eroberung von Darstellungswerten der Farbe zu vereinen mit intensiven Eigenwerten der Farbe. Diese Entwicklung hat sich bis zum Schlüsse des 19. Jahrhunderts vollzogen, dessen Ziel bezeichnet werden kann mit der Forderung: alle Darstellungswerte zu intensiven Eigenwerten zu erheben und zu harmonisieren.1 Erst im 20. Jahrhundert aber vollendet sich diese Entwicklung, dieser Prozeß der „Befreiung der Bildfarbe.“2

Wovon befreit sich die Bildfarbe? Jantzen sprach von einer Erhebung farbiger „Darstellungswerte“ in farbige „Eigenwerte“ und verstand unter „Darstellungswerten“ die farbige Anweisung auf einen „Farbenträger“, die Möglichkeit, „aus der Farbe allein auf Bedeutung, Stofflichkeit des Gegenstandes, seine Stellung im Räume, seine Beziehung zu ändern Dingen und so fort (zu) schließen.“ Von Bildlicht und Helldunkel ist hier noch nicht die Rede. Gerade die vertiefte Erkenntnis des Helldunkels aber läßt auch die Besonderheit der Bildfarbe in der neuzeitlichen Malerei deutlicher hervortreten.

Jan van Eycks um 1435 gemalte „Lucca-Madonna“ im Frankfurter Stadel (Abb. 1) gehört zu den Gründungswerken neuzeitlicher Helldunkelmalerei.3 Olivgraubraune Raumdunkelheit rahmt ein Licht, das sich im weißgelblichen Inkarnat Mariens und des Christuskindes sammelt und läßt einen in sich geschlossenen Kosmos entstehen. Die Asymmetrie des von einer Bildseite…

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