Titel: Malerei - Radikale Malerei · S. 84
Titel: Malerei - Radikale Malerei , 1987

Amine Haase

„Die Farbe denkt“

Befreiungsversuche sind immer auch Zerreißproben. Das Ausprobieren der Haltbarkeit von Grenzen, ihr Überschreiten sind meistens schmerzliche Prozesse. Ob ihnen ein erleichtertes Aufatmen folgen kann, hängt davon ab, ob die erreichte Freiheit auch die Freiheit ist, die gemeint war, als man auszog, sie zu erkämpfen.

Die Kunstgeschichte als Diskurs einer Emanzipation? Sicherlich kann das ein Blickwinkel sein, der gezielt zu Ursprüngen schöpferischer Taten allgemein und zu ästhetischen Ausprägungen im einzelnen führt. Er setzt allerdings nicht nur Passion für Freiheit als Freiheit von etwas voraus, sondern auch als Freiheit für etwas. Und das wiederum bedeutet die Annahme eines logischen Entwicklungsfortgangs. Die rein kunsttheoretische Analyse öffnet sich auf quasi philosophische Horizonte. Und je mehr sich Kunst auf sich selbst besinnt, wenn Bilder nicht mehr erkennbare oder abstrahierte Abbilder der Wirklichkeit sind, sondern selber – und allein – Realität, desto mehr wird die kunsttheoretische Formanalyse auf philosophische Betrachtung angewiesen sein. Ein Paradox, das kaum lösbar erscheint – und das auch sofort die Prämisse der „Logik“ und „Entwicklung“ relativiert.

In einer Zeit, da das Abbild vom Abbild vom Abbild als Bildwirklichkeit ausgegeben wird und Simulation als Lebens-Form, droht auch einem künstlerischen Ausdruck Verlust an Glaubwürdigkeit, dessen Essenz die Realität ist. Radikale Malerei bestand und besteht außerhalb bunt-schillernder Luftblasen. Sie hat sich nicht von hochfliegenden Gedanken einiger Post-Philosophen in die Lüfte heben lassen. „Sie ist nicht ein Nach-Irgendetwas, braucht sich nicht ihre Legitimation in einer Ahnengalerie zu holen, in der eine expressionistische Stammbaum-Linie sich inzestuös mit einer geometrischen mischt. Etiketten-Schwindel macht die Vermittlung generell schwerer,…

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