Ausstellungen: Zürich/Bern , 1994

Renate Puvogel

Charles Ray

Kunsthalle Bern, 28.8. – 9.10.1994

Kunsthalle Zürich, 28.8. – 23.10.1994

Im Kontext der Doppelausstellung von Charles Ray in Zürich und Bern kommt die Skulptur „O, Charley, Charley, Charley“ ganz anders zur Geltung als auf der documenta IX. Hier ist sie nicht länger auf die derzeit florierende Problematik von Sexualität vor dem Hintergrund von AIDS reduziert, statt dessen kann sie sich im Ausstellungszusammenhang als Beispiel von tragikomischen Situationen entfalten. Die durchkonstruierte Skulptur balanciert dadurch, daß das Unmögliche formal in Stimmigkeit gebracht ist, an der Grenze des Realen, nicht nur des real Möglichen. Die zweite vierfigurige Gruppe „Family Romance“ von 1993 bestätigt dieses Infragestellen des Wirklichen. Die beiden nackten Kinder sind, bei angemessenen Körperproportionen, so groß wie die Eltern gestaltet, dabei mit 135 cm kleiner als der Betrachter. So bringt er das Gefühl der Unstimmigkeit in das geordnete Gefüge des künstlichen Gegenübers. Sämtliche Arbeiten von Charles Ray changieren zwischen einer überzeugenden Qualität, die als optisch wahrnehmbar zunächst für wahr empfunden wird, und einer zweiten Kategorie, welche diese Sicherheit der Erfahrung in irgendeiner Weise erschüttert. Es gelingt dem Künstler, diese Dualität nicht nur theoretisch durchzuspielen, intellektuell als konzeptuelle Verbalisierung oder als postmodernes Spiel anzubieten, sondern sie aufrechtzuhalten, indem er sie wörtlich in ein anschauliches Werk überträgt und dadurch den Betrachter bis zuletzt in Verblüffung und Verunsicherung fesselt. Doch selbst wenn dieser den Trick der Verschiebung gegen die Normalität durchschaut hat, bleibt ein Unbehagen, das anhält und ihn bis in die Alltagswelt verfolgt. Die Bedeutung dieses Werkes liegt zum einen in diesem erkenntnisphilosophischen Ansatz,…

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von Renate Puvogel

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