Titel: Zwischen Erinnern und Vergessen · von Oskar Bätschmann · S. 170
Titel: Zwischen Erinnern und Vergessen , 1994

Oskar Bätschmann

Ferdinand Hodler

»Ein Blick Zurück im Zorn
Selbstbildnis als Zorniger« von 1881

Der Künstler, dargestellt in Halbfigur in Rückansicht, blickt über seine rechte Schulter zurück direkt auf den Betrachter (Abb. 1). Seine Augenbrauen sind zusammengezogen, senkrechte Falten zeigen sich über der Nase. Das eine Auge blickt groß und dunkel aus dem beleuchteten Teil des Gesichts, das andere harrt finster im Halbschatten. Das eine Ende des Schnurrbarts fällt nach unten, das andere Ende zeichnet sich waagrecht vor dem dunklen Hintergrund ab. In den Händen hält der Künstler ein bedrucktes Papier. Jura Brüschweiler hat deswegen das Bild als Ausdruck des Zorns über eine ungünstige Kritik im Genevois interpretiert.1 Das Selbstbildnis wurde im Frühjahr 1881 im Pariser Salon unter dem Titel „Der Unvernünftige“, im September des gleichen Jahres in Genf mit der Bezeichnung „Der Zornige“ ausgestellt.2 Das Bild gehörte in die lange Reihe der Selbstporträts, in denen Hodler zeitlebens sein Verhältnis zur Sozietät und zu seinem Werk reflektiert. Doch der Blick zurück und der Gesichtsausdruck eröffnen für diese Selbstdarstellung mehrere über die engere Biographie hinausweisende Zusammenhänge.

Anthonis van Dyck stellte sich selbst für sein geplantes Buch Icones Principum Virorum, einer Sammlung von Bildnissen berühmter Zeitgenossen, als Rückenfigur mit gewendetem Kopf dar. Für den Druck des Buches wurde seine Radierung ergänzt zu einer Büste auf einem Sockel. Das Buch wurde um 1880 in einer wahrscheinlich französischen Faksimileausgabe neu ediert (Abb. 2). Es ist wahrscheinlich, daß Hodlers Selbstbildnis von 1881 auf van Dycks Selbstdarstellung beruht. Allerdings interpretierte Hodler die Rückwendung völlig neu. In van Dycks Radierung, die…

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