Essay · von Gabriele Honnef-Harling · S. 31
Essay , 1977

Gabriele Honnef-Harling

Die Kunst ist tot – es lebe die Kunst o weh

Willy Brandt bekannte sich zur Kunst und das nicht nur anläßlich der Jahresausstellung des Deutschen Künstlerbundes 1973. Er sprach sich für ein Leben mit der Kunst aus. Aber er sah kein Füllhorn, das sich öffnen, keinen Goldregen, der niedergehen würde auf Gerechte und Ungerechte, auf Genies und Halbgenies.

Antwort auf Künstlerklagen, Reaktion auf eine Misere: die Bundesrepublik Deutschland ein kulturelles Entwicklungsland (so Maihofer in Marbach), die Künstler exotische Tiere -bestaunt, belächelt, gehaßt, geliebt. – Das am allerwenigsten.

Ihre Klagen sind unüberhörbar geworden. Heinrich Bölls Proklamation vom ‚Ende der Bescheidenheit‘ hatte Signalwirkung. Es war ein Ende des Gehorsams und der Botmäßigkeit. Den wegbereitenden Schriftstellern schlössen sich die bildenden Künstler an, verschafften sich Gehör. So zunächst über den Westdeutschen Rundfunk am 31. März 1974. Eindringlich, mitunter aufdringlich; aber auch resigniert waren ihre Stimmen. Nach Wolf Vostell heißt Künstler sein, dauernd verzweifelt zu sein. Streichen wir das ‚dauernd‘ in seinem eigenen Interesse. Daß aber die soziale Lage vieler Künstler verzweifelt ist, kann man nicht leugnen. Auf die schwierige Lage, besonders der bildenden Künstler, verwies Anatol Buchholtz, Vorsitzender des BBK, sprach von einem Leben vieler am Rande des Existenzminimums.

Nur zwei Stimmen von ungezählten. Nur zwei Klagen, die einzeln oder miteinander verkoppelt immer wieder laut werden: der Künstler und seine Existenzprobleme, der Künstler und seine Kunst, diese oft mißverstandene, manchmal unverständliche.

Das Ende der Kunst ist oft verkündet worden. Die Kunst ist tot, es lebe die Kunst. Kein Widerspruch; Kunstklage als Spielart der Zeitklage verbunden mit der…

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