Essay , 1977

Hans-Jürgen Müller

Kunst kommt von Verkaufen

Mitte November – am 18.10.76 hatte das neue Semester an Nordrhein-Westfalens Hochschulen begonnen – erreichte mich ein vierseitiger Prospekt mit dem provozierenden Titel ‚Kunst kommt von Verkaufen‘, und ich vermutete zunächst eine Entgegnung auf mein Buch ‚Kunst kommt nicht von Können‘. Weit gefehlt! Wäre auf der Drucksache der Poststempel vom 1. April gewesen, hätte ich nunmehr auf einen Scherz getippt, mit dessen Hilfe sich ein gewisser Manfred Spies aus Düsseldorf der Kunstwelt vorstellt. Aber nach gründlicher Durchsicht des Textes bin ich geneigt anzunehmen, daß hier jemand mittels geschickter, mehrdeutiger Anspielungen auf die Mechanismen des Kunstbetriebes sich in die Herzen hoffnungsvoller Kunststudenten einschleichen will. Zunächst gewinnt man den Eindruck, Manfred Spies sei bemüht, werdenden Malern und Bildhauern den klaren aber sauren Wein ihrer beruflichen Zukunft einzugießen. So bemerkt er ganz richtig, daß man erfolgreiche Kunsthändler an die Akademien berufen sollte, damit die Studenten frühzeitig erfahren, wie schwer es ist, neue Kunst durchzusetzen, welcher Einsatz verlangt wird um einen Markt aufzubauen, der es dem Künstler ermöglicht von seiner Arbeit zu leben, über welche Erfindungskraft Galeristen verfügen müssen, um in Deutschland deutsche Kunst an den Mann zu bringen, wie abenteuerlich schwierig es ist, auf dem Gebiet der Kunstvermittlung in einem Land tätig zu sein, dessen Politiker ständig steuerliche Knüppel zwischen die Füße der wenigen Kunstsammler werfen, und – last not least – daß kein fachliches Argument die Neufassung des Folgerechtes verhindern konnte. So weit, so gut. Doch unvermittelt wird der Text zu einem Manuskript für kunstpolitisches Kabarett. Hören wir…

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von Hans-Jürgen Müller

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