Essay · von Georg Jappe · S. 24
Essay , 1977

Georg Jappe

Les Folies Beaubourg

Hunderttausend Quadratmeter Kultur‘ überschrieb der Nouvel Observateur seine Titelgeschichte über das Centre National d’Art et de Culture Georges Pompidou, ein Name, der viel zu lang und viel zu flau ist, um sich je durchzusetzen; Beaubourg, nach dem (fast schon ehemaligen) Quartier, sagen die Pariser. Die Eröffnung war am nächsten Morgen Schlagzeile aller Pariser Zeitungen, neben der Befreiung der Claustre. Seltsam verkehrte Fronten: die Humanité wünschte alles Gute, das Programm der Demokratisierung werde sich allerdings erst unter einer Volksfront realisieren lassen; Le Monde sprach vom ‚Maßstab des Jahrhunderts‘, der nicht einmal ganz drei Concorde-Flugzeuge gekostet habe; Le Journal du Dimanche rechnete aus, es habe fünfzig Schulen gekostet, diesen wachsenden Kadaver à la Ionesco solle man Idi Amin schenken; die Liberation hält Beaubourg für den Großtraum der Technokratie, die Kommunikation zu kontrollieren, für den letzten Passagierdampfer der offiziellen Kultur; L’Aurore findet am schönsten die Aussicht vom Dach, von wo aus man Beaubourg nicht mehr sieht; der Figaro sagte jein, immerhin sollten die Franzosen nicht immer nur auf ihre Niederlagen starren (ach? ); France-Soir entschied, bei der Unsicherheit in moderner Kunst gebe es nur ein sicheres Kriterium, bewiesen seit den Impressionisten: was offiziell und subventioniert sei, sei auch schlecht, die Regierenden hätten seit Menschengedenken keinen Geschmack, keine Bildung mehr gezeigt. Mit einem Wort: Beaubourg spaltet die Nation.

Wobei die meisten Äußerungen vage bleiben, bei dem dankbaren Thema der mißratenen, beispiellos chaotischen Eröffnung verweilen, einem wahren Viehmarkt der Prominenz, 4000 geladene und mindestens 2000 eingeschmuggelte Gäste, eingepfercht zwischen polizeibewachten Gittern, rüttelnd an…

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