Titel: Biennale Venedig · von Paolo Bianchi · S. 367
Titel: Biennale Venedig , 1997

Inselhaftes Denken

Eine Traditionsreiche Veranstaltung in einer Abschwungphase

Von Paolo Bianchi

Die Zukunft der Kunst passiert bestimmt nicht in Venedig. Die Anfang der neunziger Jahre diagnostizierte venezianische Lähmung, die sich zu einer „Stillhaltezeit“ der Kunst steigerte (siehe Kunstforum-Bd. 135/1995), ist jetzt im Zeitalter der Globalisierung in ein kleinräumiges Denken und Handeln übergegangen, das die geographische Grenze der Länderpavillons als Außengrenze eines möglichen Kunstkanons definiert. Die Pavillons erscheinen je länger, desto weniger als gemeinsamer Kulturraum, sondern als sich gegenseitig abkapselnde Inseln. Droht der Pavillongedanke zu einer Art künstlerischem Archipel zu verkommen? Auf der eigenen Insel ist alles großartig, draußen verfliegt der Schwung?

Der Ausstellungsmacher

Germano Gelant, 57, Arte-Povera-Spezialist und erst im allerletzten Moment, nach den üblichen Querelen in der Direktion, zum Leiter der 47. Biennale berufen, ist es in nur fünf Monaten gelungen, 66 Künstler aus drei Generationen zur großen elastischen Triade-Schau „Futuro, Presente, Passato“ antreten zu lassen: „Ich bin der Kunst wie einer immensen Galaxie begegnet, die mit ihren Novas und Supernovas zwar unfaßbar, aber bereisbar ist.“

Wie ist es dem Genueser Weltraumpiloten Celant gelungen, die Schwarzen Löcher zu umschiffen? Über seine der euro-amerikanischen Prominenz gewidmeten Schau „Futuro, Presente, Passato“ hieß es in der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Ein Schnellschuß mit wenig Treffern“, und der Biennale würde das Prädikat „zukunftsfaul“ erteilt. Für Celant bedeutet dieses bittere Urteil, daß seine Zeit als Seismograph langsam vorbei ist. Die Biennale selbst ist mit der Streichung der „Aperto“-Schau kein offenes Forum mehr und darf fortan angestrengt gegen die sture linke Hegemonie in der Kultur und gegen die Fronden am populären Hof…

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