Titel: documenta X , 1997

Die Ausstellung als Wandzeitung

Ein Lehrstück – Unter den Pflastersteinen: Papier

Von Amine Haase

Nach mehrtägigem Besichtigen der dX und vielstündiger Lektüre der dazugehörigen Publikationen, nach mehrfachem Scharfstellen des Okulars von Nah- auf Fernsicht und umgekehrt wird eines erkennbar: Die Ausstellung ist eine überdimensionale Wandzeitung, das Buch ein Territorium für sich (siehe das so betitelte vorige Kapitel).

Und das bedeutet, daß Schauen und Lesen eins sind, Sehen und Denken dasselbe. So zumindest legt es die dX nahe. Außergewöhnlich? Wohl kaum. Außerdem waren wir vorgewarnt durch einige Interviews, die Catherine David vor der Eröffnung gab, und durch die Veröffentlichungen in drei „documenta documents“. Und in dem einzigen Text, den Catherine David begleitend zur dX veröffentlichte – als Vorwort zum „Kurzführer“ – gibt sie klar zu erkennen, daß sie sich gegen eine „Gesellschaft des Spektakels“ auflehnt, daß es ihr um das Aufzeigen von „Emanzipationsstrategien“ geht, daß sie den Künstlern folgen will, deren „kritische Haltung“ sich äußert „in einer radikalen Infragestellung der Kategorie der ‚Schönen Künste‘ und der anthropologischen Grundlagen der westlichen Zivilisation wie auch in einer Infragestellung der Hierarchien und der traditionellen Abgrenzungen von Wissenszweigen“. Voilà. Der Aufschrei nach der Vernissage am 20. Juni kann also kein Überraschungsschrei gewesen sein: Wo das „Lesen“ einer Ausstellung nahegelegt wird und Bilder wegen ihrer Nachdenklichkeit, nicht aber wegen ihrer Schönheit gezeigt werden, da kann es nicht besonders lustvoll zugehen. Schon gar nicht, wenn die Gedanken um den Zustand der Welt hier und jetzt kreisen und die Bilder „in einer Zeit der Globalisierung“ eine „ebenso ästhetische wie politische Potenz“ nachweisen…

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