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Titel: documenta X · von Hermann Pfütze · S. 86 - 89
Titel: documenta X , 1997

Die Ausstellung als Geisterbahn der ästhetischen Elite

Beobachtung einer hochreflektierten Unrast der Gedanken
Von Hermann Pfütze

1.

Kants Unterscheidung zwischen Sinnengeschmack und Reflexionsgeschmack und dessen Bestimmung als „Geschmack am Schönen und Vermögen der Beurteilung des Schönen“ verursacht in kunstpolitischen Debatten immer wieder Aufruhr. Das spricht für Kant und gegen die Aufrührer, denen die Unterscheidung lästig ist. Entweder wollen sie, wie zum Beispiel Komar & Melamid, das Schöne dem Sinnengeschmack der Mehrheit einverleiben und durch empirische Ermittlung dessen, was den meisten gefällt, das reflektierende Distinktionsvermögen überflüssig machen. Oder sie disqualifizieren, wie etwa Catherine David (im ZEIT-Magazin vom 13. Juli 1997), Geschmacksurteile über Kunst als irrational und reaktionär, um das distinktive Urteilsvermögen vor dem, so Kant, instinktiven „Gefühl der Lust und Unlust“ zu schützen. Catherine David sagt, sie „lehne das besinnliche ‚Kunst = schön‘ kategorisch ab“ und halte die Rede von der Autonomie des Kunstwerks für eine gedankenlose Ausflucht vor der Auseinandersetzung mit der globalen Krise der Gegenwart. Sie will nämlich, „daß man als Zentrum der modernen Kunst die Krise erkennt“. Komar & Melamid wollen das Gegenteil: schöne Kunst für alle im trauten Heim. Deshalb haben sie 1996 in den Niederlanden über tausend Leute befragt, wie moderne Malerei sein solle, die sie gerne in der Wohnung hätten. Mehrheitlich gewünscht wurde ein maßvoll abstraktes, andeutungsweise thematisches Landschaftsbild. Realistische Motive, gar in naturalistischer Ma-nier, wurden abgelehnt, Landschaften rangierten vor Menschenbildern und als bevorzugte Farbe lag Blau eindeutig vor Grün und Rot. Wer hätte das gedacht? Der Geschmack des Publikums ist fortgeschrittener als Kulturpessimisten behaupten. Langfristig siegt der…


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