Titel: documenta X · von John Berger · S. 68
Titel: documenta X , 1997

Landschaften mit Traumhorizonten

John Bergers Beschreibung einer »Reise« nach Arktischem Wetterbericht

Reise

Am Dockpier vertäut läßt es alle Gebäude in Sichtweite winzig erscheinen. In den Dörfern träumen Männer, Frauen und Kinder von Palästen. Je ärmer das Haus, desto vollkommener der Palast. Und das weiße Schiff ist ein schwimmender Palast. Alle seine Kabinen sind erster Klasse, und jede ist anders, mit ihren eigenen Möbeln und Ausrüstungsgegenständen und Erinnerungsstücken. Reisende, die heimatlos waren oder im Exil lebten, Fahrgäste, die ihr ganzes Leben in Anstalten zugebracht hatten, bekommen auf meinem Schiff den Raum ihrer Träume.

Eine kleine Einzelheit unterschied das Schiff, als es an den trojanischen Docks vertäut war, von anderen Ozeandampfern: auf seinen sieben Decks war kein einziges Rettungsboot, kein Rettungsring zu sehen. Die wenigen Passanten, denen diese seltsame Tatsache auffiel, diskutierten untereinander, was das wohl bedeuten mochte. Einige meinten, daß im Notfall vom Unterdeck automatisch Rettungsboote ausgestoßen würden. Andere zuckten die Achseln und behaupteten, daß sie auf solch einem Schiff, das einen solchen Ruf hatte, einfach nicht gebraucht würden!

Naisis Kabine war ein Wintergarten, wie er einem Kaiser gehören mochte, angefüllt mit blühenden Pflanzen, unter deren Blattwerk ein Klavier und ein Synthesizer standen. Auf dem Fußboden lagen Teppiche aus Aleppo, deren gewebte Blumen so geometrisch und schön waren wie die Verzierungen auf Banknoten. Die Farben ihres Gewebes waren unschätzbar. Honigschimmernde Beigetöne und Blautöne von Holzrauch im Abendlicht. Naisi, der Schwimmshorts trug und wie ein Sonnengott in einem Korbstuhl saß, experimentierte am Synthesizer mit einer Fassung von „Deine Eier hängen raus“. Die Wunden in seiner Brust waren…

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