Dossier: Kunst und Politik · von Wolf Schön · S. 71
Dossier: Kunst und Politik , 1975

WOLF SCHÖN

Staatskunst für die Deutschen

Wer ist da noch? Wer steht da oben am Fenster? Kein Spion war das, kein ungebetener Gast, wie ängstliche Wachmänner des Bonner Innenministeriums zu später Stunde vermuteten. Da oben, im Büro des Parlamentarischen Staatssekretärs Gerhart Rudolf Baum, haust auch nach Dienstschluß eine Dame in Bronze, ein Werk des Berliner Bildhauers Schmettau.

In den zwei Jahren, die seit ihrem Einzug vergangen sind, hat sich immerhin der Politiker an die Dauerpräsenz der ‚weiblichen Halbfigur mit Tasse‘ gewöhnt, mehr noch, er will ‚den blasierten Ausdruck‘, die ‚Ironie‘ der spröden Schönen nun gar nicht mehr missen. Was da eher aus Mitleid denn aus Liebe auf den ersten Blick (‚Niemand wollte sie haben‘) auf den Sockel gehievt wurde, sorgt obendrein dafür, daß amtlich geführte Gespräche bisweilen eine überraschende Wendung erfahren. Besucher, zu deren Aufgabenbereich Kultur gewöhnlich nicht zählt, finden plötzlich Gefallen am Interpretieren zeitgenössischer Kunst.

Kein Einzelfall ist diese Liaison. Seit vier Jahren, unbemerkt von den Öffentlichkeit, sammelt die Bundesrepublik Deutschland. Und da es im Noch-immer-Provisorium Bonn zwar eine Beethoven-, aber keine Kunsthalle gibt, unterwandern die Ankäufe vorerst die hohen Behörden, verbreiten hier Glanz in düsteren Korridoren, da Schrecken unter treudienenden Ministerialbeamten, die daheim mit Alpenglühn und schäumenden Seestücken leben, während das Amt ‚Grün im Quadrat‘ (von Günter Fruhtrunk) und ‚Gerundetes Rot‘ (von Rupprecht Geiger) optisch beherrschen. Für eine Viertelmillion Mark im Jahr werden ‚repräsentative Räume des Bundes‘ mit heutiger deutscher Kunst versorgt – nicht um die Regierenden bei Laune zu halten, sondern um ‚einem vielschichtigen Besucherkreis zu demonstrieren, welche Bedeutung die Regierung…

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