59. Biennale Venedig: Gespräche
Cecilia Vicuña
Kleiner Faden und tote Frau
Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks
Cecilia Vicuña, mit dem Goldenen Löwen der 59. Biennale di Venezia für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, 1948 in Santiago de Chile geboren, Dichterin und Künstlerin, die in New York und Santiago lebt, blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Sie schuf Installationen und Performances, von Sprache, Erinnerung, Auflösung, Auslöschung und Exil handelnd, die von der Passion für indigene Kulturen zeugen. Immer wieder nimmt sie Bezug auf traditionelle Khipu, eine von den Andenvölkern verwendete Knotenschrift.
Heinz-Norbert Jocks: Was waren Wendepunkte in Ihrem Leben?
Cecilia Vicuña: Der erste wichtige war, als ich im Alter von drei Jahren erkannte, dass es Träume gibt. Diese Erkenntnis, dass es mehr als eine Realität gibt, die niemand erklären kann, ist grundlegend für mein gesamtes Tun bis heute. Die Vorstellung, dass wir in so vielen Realitäten gleichzeitig existieren und von einer in eine andere wechseln können, dank einer Gabe, die unser Geist bereits vor über Tausenden von Jahren des Menschseins erhielt. Ein weiterer Wendepunkt ereignete sich, als ich erfuhr, dass ich unerwünscht war, weil ich ein Mädchen war. Das geschah mit vier Jahren, als ich einen kleinen Bruder bekam. Er wurde in einer ganz anderen Form als ich begrüßt, und mit ihm wurde ganz anders als mit mir gesprochen, und er ließ mich deutlich spüren, dass ich ein minderwertiges Wesen war.
Der dritte Wendepunkt war, als ich in der Wildnis lebte, oft von meinen Eltern allein gelassen. Damals war es normal, Kinder mit Tieren,…
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