Titel: Die fotografische Dimension · von John Stathatos · S. 144
Titel: Die fotografische Dimension , 1995

Die Politische Dimension

»Linke« gegen »rechte« Fotografie

Von John Stathatos

Von ihren frühesten Erscheinungsformen an ist die Darstellung der Wirklichkeit eines der Attribute der Macht gewesen: Ein verfolgtes Wild auf einer Höhlenwand, die Figur einer in Stein gehauenen Gottheit, die Maske des totemischen Raubtiers eines Stammes – sie alle sind Erscheinungsformen der Macht und der Kontrolle. Zunehmend komplexere Darstellungsformen erforderten zunehmend spezialisiertere Fertigkeiten – Fertigkeiten, die ihrerseits eine lange und kostspielige Ausbildung und den Unterhalt von Facharbeitern auf der Grundlage des ökonomischen Überschusses einer Gesellschaft nötig machten. Unvermeidlicherweise wurden so Künstler, wie andere Lieferanten von Luxusgütern, abhängig von der Protektion durch diejenigen, welche die Macht besaßen, über diesen Überschuß zu verfügen. Abgesehen davon, daß die unzeitgemäße Darstellung eines abgesetzten Herrschers oder die Ausstattung eines Heiligenbildes mit den falschen Attributen ernsthafte, ja fatale Folgen haben konnte, wurden Inhalt und sogar Form und Stil der Darstellung notwendigerweise Gegenstand politischer Kontrolle.

Die Tatsache, daß die Darstellung (representation) ebenso Teil des politischen Diskurses wie desjenigen der Kunst ist, wird offensichtlich, wenn man sich der überwiegend funktionalistischen Haltung der Obrigkeit bewußt wird. Diejenige der mittelalterlichen Kirche, zum Beispiel, wurde um die Mitte des 13. Jahrhunderts bündig von dem Franziskaner St. Bonaventura zusammengefaßt: „{Bilder} wurden wegen der Beschränktheit der Unwissenden geschaffen, so daß die Ungebildeten, die die Schrift nicht lesen können, mittels Statuen und Bildern von den Sakramenten unseres Glaubens erfahren können; die Bilder wurden wegen der Trägheit unseres Fühlens eingeführt …, denn unser Gefühl wird eher durch das angesprochen, was gesehen, als durch das, was gehört wird; sie wurden…

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