Essay , 1995

Gernot Böhme

Das ist doch eine Pfeife

Über Kunst und Werbung bei Magritte

1. Einleitung

René Magrittes Bild „Ceci n’est pas une pipe“ von 1929 ist ein explosives Ereignis. Ich bin mir bewußt, daß dieses Bild als ein Ereignis zu bezeichnen bereits ein Interpretationsansatz ist. Wir sind gewohnt, nach der Bedeutung eines Bildes zu fragen, nach seiner Aussage, und wir beurteilen es in Hinblick auf sein Eindruckspotential, z.B. seine Schönheit. Magritte dagegen hat „immer mit Nachdruck darauf bestanden …, daß seine Bilder nichts darstellen, nichts ausdrücken, nichts symbolisieren“.1 Wenn Magritte malt, dann ist entscheidend, daß er etwas tut, und durch sein Gemälde, ganz besonders dieses, ist etwas geschehen, es hat sich etwas ereignet: Magritte hat eine Pfeife auf eine Leinwand gemalt und darunter geschrieben „Ceci n’est pas une pipe“. Er hat damit Bild und Wort in paradoxer, in aufregender, in anstößiger, in äußerst fruchtbarer Weise konfrontiert.

Ebenfalls im Jahr 1929 hat Magritte in der Zeitschrift „La Révolution surréaliste“ einen kleinen Bildessay mit dem Titel „Les mots et les images“, „Die Worte und die Bilder“ publiziert.2 Eine Briefstelle zeigt, daß er sich mit dem Thema der Beziehung von Bild und Wort, Bildhaftigkeit und Sprache, Figur und Text schon mindestens seit 1927 beschäftigte.3 Das Bild „Ceci n’est pas une pipe“ ist ein Dokument dieser Beschäftigung. Magrittes Nachdenken über Bildhaftigkeit und Sprache, über Bild und Wort, über Figur und Text vollzieht sich im Medium des Bildes selbst. Man mag Magritte einen Denker, einen Philosophen nennen, aber sein Denken ist Malen oder umgekehrt, wie er selbst sagt, „die Kunst…

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von Gernot Böhme

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