Essay , 1995

Hermann Pfütze

Der unmerkliche Aufwand

Form als soziale Tatsache

»Kunst ist Kindheit, nämlich Kunst heißt, nicht zu wissen, daß die Welt schon da ist, und eine machen. Nicht zerstören, was man vorfindet, sondern einfach nichts Fertiges finden. Lauter Möglichkeiten. Lauter Wünsche …«
Rilke

1. Wie Kindheit noch nichts weiß von Jugend und Erwachsensein, so weiß Kunst zunächst noch nichts von Natur und Arbeit. Denn die Welt, die außerhalb der Kunst immer schon da ist, die der Natur und ihrer Verarbeitung, hat noch kein Gewicht. Kunst und Kindheit werden von der Welt getragen, ohne schon ihrer Schwerkraft zu erliegen. Das gleichsam kindliche Glück der Kunst – „lauter Möglichkeiten, lauter Wünsche“ – ist offenbar, der Zwangsläufigkeit und Folgerichtigkeit der Stoffwechselprozesse der Natur und der Verwertungsdynamik der Arbeit nicht unterworfen zu sein. Die Kunst muß nicht Vorgefundenes zerstören und Fertiges verwerten, sondern ist frei, eine eigene Welt zu machen, wie sie will. Freilich ist jedes künstlerische Tun und Lassen in dem Moment erwachsen geworden, in dem es sich über sein kindliches Glück klar wird. Kunst kann nicht so tun, als ob die Welt nicht da wäre, aber sie kann deren empirische, dingfeste Wirklichkeit immer wieder, zwar für Augenblicke nur und vorübergehend, außer Kraft setzen.

Zweierlei ist zunächst zu bemerken:

Erstens ist der künstlerische Begriff des Machens zu unterscheiden vom biologisch-natürlichen Begriff des Werdens und Vergehens und vom arbeitsökonomischen Begriff der Produktion und Verwertung. M.a.W.: Kunst ist weder ‚Praxis‘ noch ‚Genesis‘, sondern ‚Poiesis‘.

Zweitens ist nicht alles Kunst, was poietischen Ursprungs ist – man denke z.B. an die zahllos alltäglichen, poietischen Momente…

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von Hermann Pfütze

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