Titel: documenta 8: Kunst auf dem Prüfstand · S. 198
Titel: documenta 8: Kunst auf dem Prüfstand , 1987

Christian Marquart

Die tollkühnen Männer in ihren quadratischen Kisten

Über die Bruchlandung des Architekten-Jetsets auf der Documenta 8

»Es gibt auf der ganzen Welt kein wahrhaft großes Bauwerk, das nicht Ruine wäre, im einen oder anderen Sinne. Und wenn es scheinbar auch vollendet wurde, so konnte es nie vollendet werden, wie der Baumeister es sich gedacht hatte, tausend Rücksichten verhinderten das.« Der Schriftsteller Josef Ponten, Autor eines 1918 vorgelegten Romans mit dem Titel Der Babylonische Turm und auch Verfasser eines interessanten, gerade wieder aufgelegten Werkes Architektur die nicht gebaut wurde, legte diesen Satz seinem frustrierten Roman-Architekten in den Mund: Wenn er zutrifft – und vieles spricht dafür – dürfen nicht nur die ausdrücklich als Idealentwürfe ausgewiesenen Architekturprojekte legitim als solche gelten, sondern auch jede halbwegs ehrgeizige Planidee, die nicht oder noch nicht in architektonische Realität umgesetzt wurde.

Das würde bedeuten: die Utopie gehört eigentlich zu unserem Alltag, und sie hat schon immer dazugehört. Unter dieser Perspektive verlieren der St. Galler Klosterplan, die Idealstädte der Renaissancebaumeister, die Entwürfe von Boullée und Ledoux, die Phantasien der »Gläsernen Kette« und die Stadtbau-Utopien von Garnier, Sant‘ Elia oder Lissitzky unversehens einiges an visionärer Substanz; sie gesellen sich, um es drastisch auszudrücken, zu den nicht gebauten Stadtsparkassen in Wanne-Eickel, zu den beiseite gelegten Entwürfen für die Sowieso-Versicherung in Köln und zur ersten Planversion des dann doch etwas anders geratenen Technischen Rathauses in, sagen wir, Frankfurt.

Wenn Josef Pontens Romanfigur recht hat, müßte jedem ehrgeizigen Architekten Gelegenheit gegeben werden, nicht zu bauen. Nur so bliebe ihm die Meisterschaft erhalten, nur so…

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