Titel: Die Frühen Jahre · S. 242
Titel: Die Frühen Jahre , 1989

Franz Dahlem

Die Kinderlandverschickung hat Franz in ein bayerisches Dorf verschlagen, in dem er 1944 in die örtliche Zwergschule aufgenommen wurde. Die Schule wurde von einer alten Frau geleitet, einer ehemaligen Lehrerin. Die Kinder mußten sie morgens mit „Heil Hitler“ begrüßen, dann sprach sie ein Gebet, und dann schickte sie, wenn das Wetter es zuließ, die Kinder ins Freie und führte sie zum Baden an einen nahen See.

Als Franz 1946 nach München zurückkehrte, war sein neuer Klassenlehrer ebenfalls ein Pensionär. Er schloß morgens die Kinder in die Klasse ein und ging ins Amtszimmer, denn er war zugleich Direktor der Schule.

Heute, sagt Dahlem, ist man geneigt, den ganzen Krieg als einen Frontbericht zu sehen. Das ist eine Simplifizierung! Seine Familie z. B. hat den Krieg zu Hause 100 Prozent verloren. Die Mutter wurde während eines Angriffs verschüttet und vegetierte seither in einem Heim, Franz, eines von sechs Kindern, lebte im Waisenhaus. Dorthin schickte sein Vater aus dem Lazarett eine Postkarte zum zehnten Namenstag. Die Karte konnte er nicht lesen, geschweige denn beantworten. Die freundliche Nonne Berta, die das Kind betreute, war entsetzt und ließ es aus der Bibel Wörter abschreiben.

In der 5. Klasse endlich bekam er einen jungen Lehrer, der eben aus Rußland aus der Gefangenschaft gekommen war. Er hatte überhaupt keine Erfahrung und beschränkte sich darauf, mit den Kindern das Nibelungenlied durchzunehmen. Franz lebte derweil bei einer Pflegemutter, da sie aber mit ihrem Geld nicht umgehen konnte, hielt das Kind den Haushalt mit dem Verkauf von Schrott und Bruchsteinen auf Trab….

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