Titel: Die Frühen Jahre · S. 220
Titel: Die Frühen Jahre , 1989

Rolf Jährling

GALERIE PARNASS, WUPPERTAL

Ich wollte Architekt werden. Meine bewunderten Vorbilder waren Gropius und Le Corbusier. Ich hatte alles Verfügbare von ihnen und über sie gelesen und wollte meinen Schulabschluß über „Neues Bauen“ machen. Die Schule erlaubte dies, konnte aber meine Arbeit nicht kritisieren, und man entschloß sich, sie dem berühmten Kunsthistoriker Will Grohmann vorzulegen. Ich hatte Glück: Grohmann fand meinen Aufsatz „ganz ausgezeichnet“. Das war 1933. Kurz nachdem ich meine Schule verlassen hatte, wurde sie von den Nazis geschlossen. Die Lehrer gehörten jeder einer anderen politischen Richtung an, der freiheitliche Geist der Weimarer Republik herrschte im Haus und prägte uns Schüler fürs Leben. Damit war nun Schluß, sämtliche Lehrer wurden degradiert! Liberal, wie ich durch meine fortschrittliche Erziehung war, entsetzte mich das Studium! Auch die Hochschulen wurden nationalsozialistisch indoktriniert, was auf dem Sektor Architektur zur Folge hatte, daß jeder Fortschritt verpönt war. Wir entwarfen Häuser mit Strohdach und zeichneten Fachwerk. Ein eventueller Krieg wurde auch geprobt; so mußten wir eine unterirdische Fabrik konzipieren und obendrauf ein Dorf, das so aussehen sollte, als stünde es seit 200 Jahren dort. Nach einigen Semestern konnte ich zum Glück bei Professor Tessenow in Berlin weiter studieren. Er war der Lehrer von Albert Speer gewesen, und wir wußten, daß Speer seitdem einen Spitzel in der Akademie unterhielt. Ihm war nicht verborgen geblieben, daß Tessenow dem NS-Staat kritisch gegenüberstand, ebenso wie der entsprechend antiquierten Bauweise. Den obligaten Gruß „Heil Hitler“ umging er elegant, indem er zum Beispiel mittags sagte: „So, dann woll’n wir mal essen gehen.“

1937…

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