Titel: Die neue Auftragskunst · von Sabine B. Vogel · S. 138
Titel: Die neue Auftragskunst , 2017

Friedhelm Hütte

Leiter der Kunstabteilung der Deutschen Bank

Der Künstler ist der Held

Ein Gespräch von Sabine B. Vogel

Friedhelm Hütte ist 1957 in Lippstadt geboren. Nach seinem Studium der Kunstgeschichte, Literatur-, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum 1979 – 84 wurde er 1986 Mitarbeiter der Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main. Hütte ist als Leiter des Kunstbereiches innerhalb der Abteilung „Kunst, Kultur & Sports“ verantwortlich für die Sammlung, die Deutsche Bank KunstHalle sowie alle Ausstellungen und Sponsoring-Projekte.

Sabine B. Vogel: Seit 1979 kauft die Deutsche Bank Werke für die eigene Sammlung an – fällt das unter Sponsoring?

Friedhelm Hütte: Vor vielen Jahren habe ich das Wort „Unterstützung“ in Bezug auf Ankäufe einmal dem Bildhauer Eberhard Fiebig gegenüber erwähnt – seither nie wieder. Denn Fiebig entgegnete, das sei Unsinn. Man findet etwas gut, ein Werk, eine Ware, und kauft es. Das ist in jedem Geschäft ­dasselbe, wir sponsern ja auch nicht einen Bäcker mit dem Kauf von Brot. Also es ist kein Sponsoring, sondern ein Tausch: Wir tauschen Geld gegen tolle Kunst. Wir begegnen den Künstlern auf Augenhöhe und oft stehen wir den Künstlern früh, also dann zur Seite, wenn erste Ankäufe besonders wichtig sind.

„Das ist in jedem Geschäft ­dasselbe, wir sponsern ja auch nicht einen Bäcker mit dem Kauf von Brot. Also es ist kein Sponsoring, sondern ein Tausch: Wir tauschen Geld gegen tolle Kunst.“

Anfangs war die Sammlung ausschließlich auf Kunst aus dem deutschsprachigen Raum beschränkt – gilt das noch?

Das war zu Beginn der Sammlungstätigkeit vor über 35 Jahren so festgelegt worden, hat sich aber in den letzten 15 Jahren sehr verändert. Die Bank ist zu einem globalen Unternehmen geworden, da macht die ursprüngliche Beschränkung keinen Sinn mehr. Was aber bis heute gilt ist der Fokus auf Papierarbeiten nach 1945, also Zeichnung, Collage, Druckgraphik und Fotografie – damit waren wir übrigens in den 1980ern Pioniere. Für Kunst nach 1945 haben wir die bedeutendste Sammlung für zeitgenössische Arbeiten auf Papier in der Welt. Damit bleiben wir nach wie vor in einer Nische und treten auch nicht in Konkurrenz zu Museen.

Fünfzehn Jahre lang hat die Deutsche Bank einen Kunstraum in Kooperation mit der Solomon R. Guggenheim Foundation betrieben, von 1997 bis 2012, insgesamt 61 Ausstellungen – gab es da auch Auftragsarbeiten an die Künstler?

Ja, insgesamt 18 Auftragsarbeiten, von Anish Kapoor über Althammer, Baldessari bis Gerhard Richter – das war sensationell damals! Richter zeigte keine schönen, bunten Bilder, sondern die brutalen Gläser: graue Farbe, Fenster auf, nichts – nur die grauen Scheiben an der Wand.

Stimmt es, dass die Kooperationspartner dem Guggenheim aus den jeweiligen Ausstellungen Arbeiten ankaufen und schenken müssen?

Wir haben die Auftragsarbeiten gemeinsam auf den Weg gebracht und später aufgeteilt: Die Papierarbeiten und Fotografien gingen überwiegend in unseren Besitz, das Guggenheim erhielt die größeren, oft skulpturalen Werke.

Finanziert wurden alle Ankäufe von der Deutschen Bank?

Ja. Aber die Auftragsarbeiten gingen zunehmend in eine Richtung, die unsere Sammlung nicht so bereicherte. Wir wollten uns globaler aufstellen und neue Talente zeigen wie Phoebe Washburn oder Agnes Snow, das Interesse der Amerikaner dagegen waren arrivierte Künstler.

„Wir wollen außergewöhnliche Kunstwerke ermöglichen und mischen uns kaum ein – der Künstler ist der Held. Deren Ideen sind heilig für mich.“

Für die KunstHalle der Deutschen Bank in Berlin entwerfen die „Künstler des Jahres“ neue Arbeiten – sind das Auftragswerke?

Wir arbeiten sehr eng mit den Künstlern zusammen, begonnen mit Wangechi Mutu (Kenia), Yto Barrada (Frankreich/Marokko), Roman Ondak (Slowakei), Imran Qureshi (Pakistan), Victor Man (Rumänien), Koki Tanaka (Japan) und jetzt Basim Magdy (Ägypten). Unsere Berater Okwui Enwezor, Hou Hanru, Udo Kittelmann und Victoria Northhoorn schlagen jedes Jahr zwölf Künstler vor, ein Auswahlkriterium ist es, dass die Künstler noch keine große Einzelausstellung hatten. Wenn die Wahl getroffen ist, erarbeiten wir die Ausstellung gemeinsam, Imran Qureshi entwickelte eine riesige Papierinstallation für den Raum, Wangechie Mutu zeigte ein raumgreifendes, verstörendes und zugleich poetisches Werk – ein Teil waren Flaschen, aus denen Rotwein tropfte. Roman Ondak hatte sich einen gebrauchten Flugzeugflügel von einer Verkehrsmaschine gewünscht. Wie sollte ich dafür in der Bank das Geld aufstellen und wo bloß sollten wir das finden? Der durfte auch nicht von einer Unfall-Maschine stammen – das war eine äußerst schwierige Aufgabe! Wir haben überall gesucht, in Sri Lanka, Texas, bis wir schließlich auf einem Flugplatz in Holland einen fanden. Der wurde abgetrennt und auf einem riesigen Tieflader nach Berlin gebracht. Ondak hatte immer beim Fliegen „Don’t step on this area“ gelesen – und wollte das jetzt aufgreifen: Was passiert, wenn man darüber geht? Wie soll man da überhaupt hingelangen? Also hat er den Flügel als Brücke in den Raum gelegt, alle mussten auf ihrem Weg durch die Ausstellungsräume wie auf einem Laufsteg darüber gehen. Später hat ein Sammler den Flügel für sein Privatmuseum gekauft.

Wie weit beeinflussen Sie die Auftragswerke?

Wir wollen außergewöhnliche Kunstwerke ermöglichen und mischen uns kaum ein – der Künstler ist der Held. Deren Ideen sind heilig für mich. Mein Selbstverständnis ist es, dass zu unterstützen, was Künstler uns vorschlagen. Sonst wäre ich ja nicht Kurator, sondern selbst ein Künstler.

Sie sponsern auch Kunstmessen?

Ja, die Sammlung ist unser Schwerpunkt, aber wir kooperieren auch mit den Kunstmessen. Wir sind Hauptsponsor der Tokio Art Fair, auch auf der Frieze in London/New York, und der Art Cologne, wo wir ja auch ankaufen. Aber das ist kein Sponsoring, Messen sind ja wirtschaftliche Unternehmen. Wir sind Partner der Messen, man kann hier nicht von Förderung sprechen. Messen sind perfekt geeignet als Plattform für Kommunikation, als Treffpunkt für Kontakte aus der Kunstwelt und Kunden.

Was macht Kunstmessen so attraktiv für Banken?

Das ist die Vielzahl der Aspekte. Einmal wegen der Information, und unser Team ist auch auf den Messen, weil wir uns umschauen, kaufen, viele Künstler, aber auch Kuratoren und Journalisten treffen. Für meine Bank-Kollegen ist es spannend, weil so viele Kunden dort sind – die Frieze Week etwa, da sind zwei- bis dreihundert Toppkunden nicht nur in einer Stadt, sondern auch an einem Platz versammelt. Es liegt mehr als nahe, dass die Bank sich hier engagiert, mit geführten Touren, einer Lounge, einem Dinner.

Bieten sich Biennalen ähnlich gut an?

Biennalen sind räumlich und zeitlich nicht so fokussiert und wir haben dort keinen zentralen Anlaufpunkt wie die Lounge auf einer Messe. Außerdem können wir unsere Aktivitäten auf einer Messe perfekt kommunizieren, an Kunden, an die Presse, an die Künstler, die Kunstwelt.