Titel: Das Gartenarchiv · von Lucius Burckhardt · S. 160
Titel: Das Gartenarchiv , 1999

Henrik Håkansson

Ein Naturforscher will er nicht sein, obwohl er sich seit seiner frühesten Kindheit mit Naturkunde beschäftigt; und ein Künstler eigentlich auch nicht oder nur notgedrungen, da Sponsoren eben Künstler fördern wollen und nicht selbstgesteuerte Exploratoren mit verqueren Zielen. Vermutlich wäre heute Columbus‘ Fahrt nach Westen nur von der Paul-Getty-Stiftung finanziert worden.

Wovon träumt Håkansson, wenn er argentinische Stabheuschrecken, mittelamerikanische Laubfrösche oder Gottesanbeterinnen einfängt, um sie in seine computergesteuerten Environments einzugliedern? – Er sagt es nicht. Aber vermutlich denkt er, daß sich die großen natürlichen Kreisläufe besser verstehen lassen, wenn man einen einzelnen „loop“ davon herauslöst und die dann fehlende environmentale Totalität durch Steuermechanismen simuliert.

Beispielhaft dafür ist sein Experiment mit der Wand, the Wall of Voodoo. Die Wand bestand aus Humus und Torf und war grün bewachsen mit Nährpflanzen für die Stabheuschrecken. Eine computergesteuerte Befeuchtung, Beleuchtung und Klimatisierung hielt das kleine Universum in Gang und in Grenzen: die Pflanzen wuchsen, die Stabheuschrecken fraßen, die Feuchtigkeit und die Wurzeln hielten die Wand zusammen. Und dann stellte Håkansson um auf Handsteuerung und bat das Publikum, sich um das Ökosystem zu kümmern. Das ließen sich die Ausstellungsbesucher nicht zweimal sagen; nach wenigen Tagen lag die Voodoo-Wand am Boden.

Aber jenseits dieser Geschichte, die Håkansson übrigens längst nicht so lehrhaft sieht wie wir, schaltet er sich selber vergnügt ein in den ökologischen Loop: Er animiert Grillen und Laubfrösche mittels Tönen zum Geschlechtsakt – Frösche, so behauptet Håkansson, reagieren außer auf Quaken nur auf Techno-Musik, und die Gottesanbeterinnen bringt er dazu, ihre Gatten aufzufressen, was offenbar mit zu deren Paarungsritual gehört. Aber auch uns läßt Håkansson durch die Grillen animieren, indem er ihr Gezirpe und ihr rhythmisches Klopfen auf Blätter akustisch verstärkt.

An der Biennale von Venedig 1997 ließ Håkansson den Besucher an den Verpuppungen und dem Ausschlüpfen angelockter Schmetterlingsraupen teilnehmen; direkt im klimatisierten Ökotop und zugleich über Monitoren in bequemer Vergrößerung. Was ist die Botschaft? – Für mich diese: Wir sind dazu erzogen, die Natur – im Freien, im Zoo, im Museum, in Abbildungen – als die Bilderin schöner Gestalten zu bewundern. Håkansson richtet unseren Blick neu auf den Prozeß, auf die Kreisläufe, und er läßt uns darüber nachdenken, ob wir dazugehören oder draußen stehen.

Lucius Burckhardt

Literatur: Joshua Decter: The Return of Dr. Doolittle, in: „Siksi“, Nr. 2, Summer 1997. Und: Lucius Burckhardt: Kommt der Garten ins Haus? Über Henrik Håkansson u. a., in: „Basler-Magazin“, Nr. 14/1998, S. 12/13 (hieraus zitiert). Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Adresse: Henrik Håkansson, c/o Galleri A. Brändström, Nybrogatan 25, S-11439 Stockholm, Fon: 0046-8-660 41 53, Fax: 660 41 68

von Lucius Burckhardt

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