Titel: 45. Biennale von Venedig , 1993

Paolo Bianchi

Nomaden, Faschos und Kritikerschweine in Venedig?

Dissidente Gedanken über die Philosophie der 45. Biennale von Venedig

Venedig, die Serenissima, wird ihren Charme nie verlieren. Auch wenn alle Pfähle bersten, wenn der immer wieder prophezeite Untergang, der Verfall ganzer Quartiere und das Verschwinden der Stadt von der Bildfläche zu einem unbestimmten Zeitpunkt tatsächlich eintreten sollte, wird die Spiegelung eines unvergänglichen Mythos überleben. Im Moment gilt: Venedig befindet sich mit narzisstischer Hartnäckigkeit unterwegs zur Apokalypse.

Die Biennale von Venedig, die heuer ihr hundertjähriges Bestehen feiert, hat einen ähnlichen Weg eingeschlagen. In ihrer wuchernden Unübersichtlichkeit und Ausuferung droht sie sich selbst aufzulösen, in Unverbindlichkeit unterzugehen. Eine Tragödie, ja ein Trauma für die einen, eine Erlösung, eine Befreiung für die anderen.

Trotz allem: Die Biennale wird schon rein aus touristisch-wirtschaftlichen Interessen überleben, ganz nach der Devise: Business as usual. (Es werden in diesem Jahr 150 000 Besucher erwartet, welche die leeren Kassen der Biennale mit mindestens einer Milliarde Lire füllen sollen.) Längst hat Venedig sich damit arrangiert, dass die Kunst ein wichtiges Produkt des Konsumkapitalismus ist – als gesellschaftliche und emanzipatorische Kraft dagegen unbedeutend: Sie darf alles, aber es kommt nicht mehr auf sie an. Sie redet über alles, aber niemand hört auf sie.

Dieser Stillstand birgt Gefahren (Künstler, Kritiker und andere Denker steigen auf als Mahner und Bewahrer konservativer Ideale), eröffnet zugleich aber auch Chancen für neue Bewegung(en).

Von der Transavanguardia zur Transnationalität

Als diesjähriger Leiter wurde die graue Eminenz der italienischen Kunstkritik bestellt, der in Rom lebende Neapolitaner Achille Bonito Oliva. Der heute 54jährige kam über die Poesie…

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von Paolo Bianchi

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