Relektüren · von Rainer Metzger · S. 330
Relektüren , 2014

Rainer Metzger: Relektüren

Folge 29

Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt: Suhrkamp 1989. Im englischen Original: Contingency, irony, and solidarity, Cambridge University Press 1989

Philosophen drücken sich bisweilen komisch aus. Wenn sie beim Betrachten des Firmaments nicht gleich in die Grube, die sie dabei übersehen haben, fallen und dann von der Thrakerin ausgelacht werden, haben sie jedenfalls seltsame Vokabulare, in die sie das Betrachtete kleiden. Das muss nicht immer Verstiegenheit bedeuten, auch wenn die Neologismen gern gefeiert werden wie sie fallen: Odo Marquards „Inkompetenzkompensationskompetenz“ wäre dafür ein schönes Beispiel. Dann gibt es skurrile Schreibweisen, Jacques Derridas Verfahren „sous rature“ ließe sich exemplarisch anführen, die Manier, ein Wort durchzustreichen, so dass es lesbar dasteht aber sich gleichsam dafür entschuldigt, denn dem Meister, und das gibt er hiermit nachhaltig zu verstehen, stand kein besseres zu Gebote.

Ganz Produkt seiner Zeit hat sich Richard Rorty eine Methode einfallen lassen, die das Deutliche eines veränderten Wortgebrauchs mit dem Moralischen einer Sensibilität für die Gender-Debatten der späten Achtziger ein wenig schlaubergerisch verbindet. Wenn er in seinem, nach dem 1979er „Philosophy and the Mirror of Nature“ zweiten, Hauptwerk „Contingeny, irony, and solidarity“ über die Vertreterschaft des mittleren seiner drei titelgebenden Begriffe räsonniert, dann nennt er sie ganz konventionell „ironist“, setzt das Personalpronomen dafür aber ins Feminin. Wenn er also die Charakteristika, die eine ironische Person nach seiner Fasson ausmachen, auflistet, dann liest sich das (auf Seite 73 des englischen Originals) so: „1) She has radical and continuing doubts… 2) She realizes that…“ usw.

Rorty meint es anders als…

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