Titel: Obsessionen II · von Oliver Zybok · S. 46
Titel: Obsessionen II , 2014

Oliver Zybok

Lust als Imperativ.

Sexuelle Obsessionen in Kunst und Alltag

Historiker, Ethnologen und Sozialpsychologen verdeutlichen in ihren Schriften stets die gesellschaftliche Dimension von Gefühlen. Eine scheinbar rein instinktive Reaktion wie das Erschrecken bei einem plötzlichen lauten Knall zum Beispiel lässt sich nach heutigem Kenntnisstand als erlernte Gewohnheit verstehen. Ebenso kann man auch den spontanen Lachanfall mit einem Regelwerk der Gefühle erklären, das uns vorgibt, wann wir Heiterkeit bekunden dürfen und sollen.1 Ein detailreicher Versuch zur Erschließung sozialer Emotionen mit Zusammenfassungen aktueller theoretischer Ansätze erschien 2008 in der dritten Auflage des Handbook of Emotions. Dieses Standwerk unterscheidet zwischen interpersonellen beziehungsweise zwischenmenschlichen und gruppenbezogenen Emotionen.2 Zwischenmenschliche Gefühle ergeben sich demzufolge aus Interaktionen zwischen einzelnen Individuen und können diese entweder miteinander verbinden oder voneinander trennen. So fühlt sich zum Beispiel jemand zu einer anderen Person hingezogen, wenn emotional aufgeladene Gemeinsamkeiten bestehen. Dem entgegengesetzt kann ein Bedürfnis nach Abstand dadurch artikuliert werden, dass Ekel oder Verachtung für ein jeweiliges Verhalten ausgedrückt werden.3 Gruppenbezogene Gefühle lassen sich dagegen als gemeinschaftlich empfundene beschreiben, die sich durch die Zugehörigkeit zu einer Nation, einem Unternehmen und einer Klasse ausdrücken, oder als kollektive Gefühle von Menschen in einer größeren Ansammlung.4 Im Gegensatz zu den zwischenmenschlichen Gefühlen, die im Handbook of Emotions meist als Triebkräfte des menschlichen Miteinanders beschrieben werden, stehen Gruppengefühle oft in engerem Zusammenhang mit gewalttätigem Handeln und kollektiven Vorurteilen.5

Ein Begehren, das sich in vielfältigen emotionalen Äußerungen widerspiegelt, eine entscheidende menschliche Triebkraft darstellt, die sowohl die interpersonalen wie auch kollektiven Gefühlswirkungen stets begleitet, ist das Ausleben von und das Reden…

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