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Titel: Obsessionen II · S. 28 - 29
Titel: Obsessionen II , 2014

Obsessionen II

Herausgegeben von Oliver Zybok und Angela Stief

Bereits seit einigen Jahren erfährt der Begriff der „Obsession“ und der Besessenheit eine rasante Konjunktur. Dies gilt für die Kunst ebenso wie für die Literatur, die Musik, die Werbung und viele andere Sparten. Viel zu oft negativ verwandt, sollen die Obsessionen hier vor allem von einer positiven Warte beleuchtet werden, denn sie spiegeln auch den Wunsch nach der Erfahrung einer befreienden Selbstaufgabe wider. Dementsprechend versucht auch der zweite Band das Thema „Obsession“ sowohl aus dem Blickwinkel ausgewählter Künstler als auch aus der Perspektive von gesellschaftlichen Randfiguren und Pionieren zu beleuchten. Es werden ästhetische und psychologische Kriterien benannt, die etwas Licht in das Dunkel der bittersüßen Triebanschübe zwischen intuitiver Gewissheit und engstirniger Vernarrtheit bringen. Harald Szeemann meinte einmal, dass es ohne Obsession keine individuelle Mythologie gebe. Sie stellt den Kern einer authentischen Überzeugung dar, die sich nicht nur in der Kunst widerspiegelt, sondern in mannigfaltigen Emanationen einer psychischen Gangart.

Der erste Textbeitrag dieses Bandes von ANGELA STIEF beschäftigt sich mit den Alltagsobsessionen und berichtet von Muschelbricoleuren und Legofetischisten. Dabei zeigt sie, dass Kunst Ausdruck eines obsessiven Verhaltens sein kann, das sich nicht nur in etablierten Positionen wieder findet, sondern vielfach und oft im Verborgenen in eine alltägliche künstlerische Praxis einschreibt. Einen Einblick über den Umgang mit Sexuellen Obsessionen in Kunst und Alltag bietet OLIVER ZYBOK und durchleuchtet dabei Verhaltensweisen in den Massenmedien. In seinen Künstlerbeispielen spannt er einen Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wie viel die Liebe mit der Obsession zu tun hat, wird in dem literarischen und unter Pseudonym erschienenen Beitrag von LOTTE SONNENSTEIN deutlich. Die anonymisierten Liebesbotschaften, die auf SMS-Mitteilungen basieren, retten den Liebesbrief in die Gegenwart und geben Einblick in den intimen Austausch von Liebenden.

Dem Dilettantismus als Passion spürt UWE WIRTH nach und fasst ihn als strategische Methode der Kunstausübung und -beurteilung in der Kunstgeschichte von Goethe bis in das 21. Jahrhundert. Den Zusammenhang von Verbrechen, Mordlust und Obsession erläutert MANFRED SCHNEIDER. Das obsessive Verlangen, eine Tat zu begehen und sie endlich auszuführen, kennzeichnet nach seiner Aussage zahlreiche Attentäter. In ihrer fiktiven Gesprächsrunde mit Cosey Fanni Tutti, Linder und Betty Tompkins führt ANGELA STIEF das Verhältnis der drei Künstlerinnen zur Pornografie als künstlerische Obsession und Inspirationsquelle vor Augen. Und auch dieser Band schließt mit Künstlergesprächen: THOMAS ZIPP, ANDREW GILBERT, MICHAELA MOSCOUW und HANS PETRI berichten noch einmal von den vielfältigen Facetten des Obsessiven: von Sehnsüchten, Träumen, Ängsten, Depressionen, Sinnlichkeit, Rausch- und Wahnzuständen.

Oliver Zybok und Angela Stief

im März 2014