Titel: Obsessionen II · von Uwe Wirth · S. 78
Titel: Obsessionen II , 2014

Uwe Wirth

Dilettantismus als Passion – Dilettantismus als Strategie

In ihrem Entwurf zu einer Abhandlung über den Dilettantismus aus dem Jahre 1799 bezeichnen Goethe und Schiller den Dilettanten als einen „Liebhaber der Künste, der nicht allein betrachten und genießen, sondern auch an ihrer Ausübung Theil nehmen will.“1 Bereits aus dieser Formulierung klingt der Vorwurf heraus, den Schiller und Goethe dann in verschiedenen Variationen immer wieder vorbringen werden: Da maßt sich jemand an, Kunst ausüben zu wollen – ohne, dass er sich und den anderen darüber Rechenschaft abgelegt hat, ob er überhaupt Kunst ausüben kann.

Noch deutlicher formuliert es Schiller in seiner vier Jahre vor den Fragmenten entstandenen Abhandlung Über die nothwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen, wo er schreibt, der wahre Künstler absolviere ein „anstrengendes und nichts weniger als reizendes Studium,“2 in dessen Verlauf er seine naturgegebene Begabung – sein Ingenium – ausbildet. Der Erfolg dieses Studiums wird für Schiller zum „untrügliche[n] Probierstein […], woran man den bloßen Dilettanten von dem wahrhaften Kunstgenie unterscheiden kann.“3 Im Gegensatz zum wahrhaften Kunstgenie will der Dilettant ohne ein anstrengendes Studium zur Kunstausübung gelangen. Er will „auch da bloß verständig spielen, wo Anstrengung und Ernst erfordert wird“.4 Er scheut, wie es dann in den Fragmenten Über den Dilettantismus heißen wird, „das Gründliche, [er] überspringt die Erlernung nothwendiger Kenntnisse, um zur Ausübung zu gelangen.“5

Diese Scheu, dieses Überspringen zeitigt zwei Konsequenzen: zunächst einmal bedeutet es, dass der Dilettant zur Ausübung der wahren Kunst nicht in der Lage ist, weil es ihm in technischer Hinsicht an Kunstfertigkeit und Übung fehlt:…

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