Titel: Obsessionen II , 2014

Manfred Schneider

Bildersturm und Paranoia.

Das Attentat in der Moderne

In der westlichen Welt herrscht seit Anfang des 19. Jahrhunderts das Gefühl, dass in der Politik ein falsches Spiel gespielt wird. Dieses von einer milden kollektiven Paranoia getragene Gefühl kann bisweilen einen Einzelnen so tief und ernsthaft ergreifen, dass er glaubt, unbedingt die Dinge mit Gewalt ändern zu müssen. Die meisten Attentate der neueren Geschichte gelten im Imaginären der Paranoia hausende Götzen, Fälschungen, Anmaßungen eines Bildes der Macht. Dies ist tatsächlich paradox. Die Moderne hat ja die Bilder ihrer Herrscher abgerüstet. Sie sollen das Potential des Amtes, das sie ausüben, nicht zeigen, sondern vergessen machen. An ihnen soll kein Stäubchen Macht zu sehen sein. Das Lächeln des Mächtigen, das erst die Fotografie hervorgelockt hat, soll den Gedanken an die Gewalt, über die er gebietet, verflüchtigen. Der Ikonoklasmus des Attentäters greift dieses trügerische Bild an, weil es für ihn etwas anderes bedeutet, als es zeigt.

Der Attentäter, der aus der Flut der Bilder und Informationen auftaucht und der gegen diese Bilder aufbegehrt, weil sie seiner Ansicht nach doch nur lügen, ist eine oft bereits seit langem vereinsamte Gestalt, ein Grenzfall der Gesellschaft, dem sich plötzlich der Verdacht zur paranoischen Gewissheit verdichtet. Er plant seine Tat als reinigenden Gewaltakt, als eine blitzartige Erleuchtung und richtet seine schockierende Botschaft an alle. Mit einem Schlag will er die politische Welt in den Stand der Erkenntnis heben. Ihn treiben oft die reinsten Motive, er sieht sich als Märtyrer der Wahrheit. Gerade dieses Verlangen, die politische Welt vollkommen durchsichtig werden…

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von Manfred Schneider

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