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Ausstellungen: Berlin · von Thomas Wulffen · S. 358 - 359
Ausstellungen: Berlin , 1995

Thomas Wulffen
Selbstidentifikation

»Positionen St. Petersburger Kunst von 1970 bis heute«
Haus am Waldsee, Berlin, 3.2. – 19.3.1995

Die Euphorie hat sich gelegt. Nach dem Untergang des sowjetischen Imperiums und dem Fall des Eisernen Vorhangs war die Kunst des ehemaligen Ostblocks gleichfalls Anziehungspunkt als auch Spekulationsobjekt. Mittlerweile hat sich wieder Normalität eingestellt, wenn nicht der frühere Status quo, in dem sich die westeuropäische und amerikanische Kunst gegenseitig ihre Bedeutung versichern. Daher ist es um so bedeutsamer, den Hintergründen der Kunst im ehemaligen Ostblock nachzugehen. Zwar kann man die Hoffnung ad acta legen, daß sich durch die Kenntnisnahme dieser Szenen, und es ist hier im Plural zu reden, Westeuropa und Nordamerika in Frage stellen lassen, aber zumindest bietet die Wahrnehmung vielleicht doch die Möglichkeit, die Perspektive zu erweitern.

Eine solche Erweiterung der Perspektive lässt sich in der Ausstellung „Selbstidentifikation – Positionen St. Petersburger Kunst von 1970 bis heute“ im Berliner Haus am Waldsee erfahren. Die neue Direktorin des Hauses, Barbara Straka, Nachfolgerin von Thomas Kempas, hat die Ausstellung zusammen mit Kathrin Becker arrangiert und vor der Station in Berlin in Kiel gezeigt. Neben Moskau ist St. Petersburg das zweite Kunstzentrum Russlands. Schon ein oberflächlicher Blick lässt einerseits die Eigenständigkeit der Petersburger Kunst erkennen, andererseits den sehr viel stärkeren expressiven Gehalt, der sich vor allem über den Körper vermittelt. Dennoch begrüssen den Besucher im Eingangsbereich und im Foyer des Hauses am Waldsee die Insignien ehemaliger sowjetischer Größe. In den Werken von AFRIKA (Sergej Bugaev) sind sie Teil seines Zyklus „Die Aphasie – Der Freund des Menschen“. Afrika war Mitbegründer der Künstlergruppe „New Artists“, die neben dem sogenannten Nekrorealismus und dem Neoakademismus wesentlich die junge Kunst in St. Petersburg mitbestimmte. Mit Goergij Gurjanovs Gemälde „Baltische Flotte“ scheint die Kunstlandschaft von St. Petersburg abgedeckt zu sein. Aber der Gang durch die Zimmer des Hauses am Waldsee belehrt einen eines Besseren. Denn die Vielzahl der unterschiedlichen Ansätze, die auch auf die Einflüsse von ausserhalb verweisen, verhindern ein eindeutiges Bild. So sind zwar die Arbeiten von Oleg Maslov und Viktor Kuznecov sowie von Bella Mtveeva und Olga Tobreluts dem Körper zugewandt, aber sie bilden nur einen Ausschnitt aus einem Panorama, das über die Form des Gemäldes immer hinausgeht. Das lässt sich in der Ausstellung nur bedingt darstellen. Um so mehr kommt dem Katalog zur Ausstellung Bedeutung zu, weil in ihm jener aktionistische Teil aufgeschlagen wird, der ein Kennzeichen der Petersburger Kunst ist. So haben die New Artists in dem Bemühen, die Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen, alljährlich die Schlossbrücke als Museum gebraucht und dort vor Ort Aktionen durchgeführt. Ähnliches gilt für das Piratenfernsehen von Juris Lesnik, Timur Novikov und Vladislav Mamysev-Monro, in dem Video-Produktionen von Künstlern zu sehen waren. Timur Novikov wandte sich später dem Neoakademismus zu und gründete die Neue Akademie der Schönen Künste. Es ist bedeutsam, diese unterschiedlichen Tendenzen zu erwähnen, weil sie die Geschichtlichkeit der Kunst aus St. Petersburg erweisen. Die Arbeiten in der Ausstellung sind da nur als ein Beleg zu sehen, was die Bedeutung dieses Unternehmens nicht schmälert. Allerdings führt sie zu der falschen Vermutung, die Kunst St. Petersburgs sei mehr oder weniger ein Abklatsch westeuropäischer Kunst-Strategien. Daß sie davon beeinflusst ist, wird zugestanden. Aber dennoch muss die Autonomie dieser Kunstlandschaft im Auge behalten werden. Denn diese Kunst ist auf einem Hintergrund entstanden, der keinen Vergleich zulässt mit Strömungen in Westeuropa oder Nordamerika. Um so bedeutsamer scheint es zu sein, Einzelpositionen aus diesem Spektrum vorzustellen. So war Timur Novikov zwar Gast des Künstlerhauses Bethanien, eine Ausstellung mit ihm wurde allerdings von den Herren des Hauses aus fadenscheinigen Gründen abgesagt. Daß man sich mit solchem Vorgehen selber einen Bärendienst erweist, ist ein Nebeneffekt der Ausstellung, die darüber hinaus auch noch konzeptuelle Fotografie aus St. Petersburg zeigte.

Katalog: deutsch/englisch, 303 Seiten, 251 meist farbige Abbildungen, biographische Daten der teilnehmenden Künstler.