Gespräche mit Künstlern · von Heinz-Norbert Jocks · S. 272
Gespräche mit Künstlern , 1995

Mike Kelley:

»Mit Sex kann man der Bourgeoisie heute keinen Schlag mehr verpassen«

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Mike Kelley, 1954 in Wayne, Michigan, einer südlichen Stadt von Detroit geboren, ist so etwas wie ein vielseitiger Inhaltskünstler in der Revolte und auf dem besten Weg, einer der renommiertesten seiner Generation zu werden. Seit 1977 arbeitete er an Projekten, in denen er seine Themen in den diversesten Medien durchspielte. Er baute Skulpturen, womöglich am Minimalismus orientiert, zeichnete, malte, drehte Videos, machte sich mit Performances einen Namen. Erst seit 1986 fertigte er Arbeiten an, losgelöst von Projekten. Zum Stoff, aus dem sich seine Kunst speist, gehören die Standards amerikanischer Gesellschaft, darunter: Religion, nationale Geschichte, Kunst, Körperideale, das falsche Verständnis von Sozialisation, die staatliche Ideologie der Familie, also der ganze Sumpf, aus dem herrschende Normen hervorgehen. Im Grunde sieht sich Kelley als jemand, der aus der Hippie-Bewegung und dem Underground des Denkens Anregungen bezog. Heute ist er so etwas wie ein vitaler, sympathischer Ketzer im Bezirk der Anti-Utopie mit Burroughs in der Hosentasche, ein hinterfuchsiger Querschläger mit subversivem Humor, ja ein „blue-collar anarchist“, wie er sich selbst nennt, der die absonderlichen Vorlieben, Exzentritäten, Repressionen und sonstigen Verfehlungen Amerikas mit dem Witz eines unmürrischen Geistes anprangert, ohne verlernt zu haben, zu fragen, was und wo denn das Leben sei. Seine Ästhetik, deren Fixpunkt die Philosophie der Dekonstruktion ist, ist geprägt vom Konzeptualismus, dessen Karten er neu mischt.

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H.-N. J.: Seit wann befaßt du dich mit Kunst?

M. K.: Nun, noch sehr jung, wohnte in der Nachbarschaft eine Malerin, die…

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