Titel: Imitation und Mimesis , 1991

Eva Meyer

Die Form der Wiederholung

Das, was man mit Gertrude Stein „allmählich herausfindet, ist daß man keine Identität hat, das heißt wenn man im Begriff ist irgend etwas zu tun. Identität ist Wiedererkennen, Sie wissen wer sie sind weil Sie und andere sich an alles erinnern über sich selbst, aber im wesentlichen sind Sie das nicht wenn Sie irgend etwas tun. Ich bin ich weil mein kleiner Hund mich kennt, aber schöpferisch gesprochen, der kleine Hund, wissend daß sie Sie sind, und Ihr Erkennen daß er es weiß, das ist was Schöpfung zerstört.“

Was also die Schöpfung stört, ist Wiedererkennen, jene fundamentale Leistung des Bewußtseins, ohne die es weder Orientierung noch inneren Zusammenhang gibt, wohl aber jenen äußeren Zusammenhang, der Schöpfung heißt. Von ihr sagt Gotthard Günther, daß sie, ontologisch betrachtet, Wiederholung sei. Was schon heißt, daß vom Wiedererkennen abgesehen wird, indem die Beziehung zwischen Urbild und Abbild als eine zeitliche in den Blick gebracht wird.

Walter Benjamin weist hin auf die „dreifache Rhythmik“ der Schöpfung im ersten Kapitel der Genesis: „Es werde – Er machte (schuf) – Er nannte.“ In ihr ist „das mimetische Vermögen“ der Sprache enthalten. Im „Es werde“ und im „Er nannte“ ist die Sprache „das Schaffende, und das Vollendete, sie ist Wort und Name“. Im „Er machte“ ist der Name, ist aber auch das Wort, weil der Name „im innersten mit dem schaffenden Wort identisch ist“. Im „Er machte“ ist also das absolute Verhältnis des Namens zur Erkenntnis gegeben. Doch das geht nur in jener „göttlichen Aktualität“, die…

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