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Ausstellungen: Berlin · von Michael Hübl · S. 326 - 329
Ausstellungen: Berlin , 1991

Michael Hübl
Anselm Kiefer

»Die neue Überschaubarkeit«
Neue Nationalgalerie Berlin, 10.3. – 20.5.1991

Zwei Aussichtsplattformen: Aus einfachem Stahl unaufwendig geschweißt stehen sie schmucklos im Saal. Ihre Funktion ist simpel: Sie geben Gelegenheit, Anselm Kiefers bleierne Bomber auf dem Boden der Nationalgalerie von erhöhter Warte aus zu betrachten. Weil der Standort Berlin ist, werden Erinnerungen wach – an die bewaffneten Posten, die das Umsteigen im Bahnhof Friedrichstraße unter steter Beobachtung hielten, an die Wachtürme entlang der Mauer oder an die hochsitzähnlichen Gestelle, die man an ausgesuchten Punkten Westberlins besteigen konnte, um einen Blick in den Osten zu wagen, der jetzt keiner mehr ist.

Wie früher die Grenzer der NVA darf sich der Benutzer der beiden aufgestelzten Konstruktionen Machtgefühle gönnen: Von da oben hat er fast alles im Blick. Zugleich vermittelt sich ihm, gewissermaßen am eigenen Leib, ein Eindruck von den künstlerischen Spezifika Kiefers, zu dessen Darstellungsmodi häufig die leicht überhöhte Position gehört. Sie findet Anwendung in den versandeten und verbrannten Landschaften, die Kiefer den Vergleich mit Albrecht Altdorfer einbrachten1, oder tritt in Korrelation mit den Vorgaben, wie sie ihm etwa das Druckwerk “Räume und Völker in unserer Zeit” bot, ein “geographisch-politisches Handbuch” aus der Zeit des Kalten Krieges. Dort wird das Kartenmaterial mittels Graphitstift in satellitenbildähnliche Auf-Zeichnungen dunkler Energieströme verwandelt2. Dieses Über-den-Dingen-Schweben oder -Stehen ist freilich keine rein formale Besonderheit, sondern berührt Fragen des Selbstverständnisses, der Identität und der gesellschaftlichen Rolle des Künstlers. Zwischen Engel und Feldherrn wechseln die inszenierten Selbstporträts aus Kiefers Frühzeit. Auf einem Hochformat “Ohne Titel”, 1971 gemalt, ruht zwischen allen…



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