Ausstellungen: Berlin , 1991

Peter Funken

Anatoly Belkin,

Ivan Chujkov,

Alexander Kosolapov

Galerie Poll, Berlin, 8.4. – 30.5.1991

Russische Kunst hat im alten Westen einen nicht zu übersehenden Stellen- und Marktwert erlangt. Insbesondere durch die Adaption der für westlichen Kunstgeschmack vermeintlich leicht zu begreifenden Sots-Art umwittert sie in den letzten zehn Jahren der Odeur von Freiheit, Innovation und Intellektualität. Der Osten leuchtet, auch wenn fast alle wichtigen Protagonisten im Westen leben. So auch zwei der drei in der Galerie Poll gezeigten Künstler. Allein Anatoly Belkin, der Jüngste der Ausgestellten, hat seine Heimat nicht verlassen. Wie Chujkov und Kosolapov studierte er in Moskau. Die Ausstellung zeigte vierzehn neue Werke des Künstlers, der in seiner vielschichtigen und hydrierenden Mal- und Collagetechnik eine analoge Ausdrucksform für das komprimierte Ereignis der Wirklichkeit zu finden sucht. Historizität, Biographie und die akute Veränderung der Realität durch den Akt des Wahrnehmens gerinnen in seinen Werken zu einem verwirrend komlexen Amalgam. Doch ist Anatoly Belkin trotzdem ein traditionalistischer Künstler, der die Versatzstücke seiner Montagen – Fotos, Notenblätter, Zeitungen, Buchseiten und Postkarten – durch seine lasierende Ölmalerei, graphische und kalligraphische Überarbeitungen homogenisiert und zu einem harmonischen und filigranen Pastiche zusammenfügt. Belkin unternimmt den nostalgisch anmutenden Versuch, die Zerstückelung der Welt zumindest in der Kunst durch die Kunst aufzuheben und erträglich zu machen. Immer wieder erscheinen in seinen Bildern Zitate aus der Natur-, Bau- und Kunstgeschichte. Solche Zitate lassen sich als feste, unverrückbare Orientierungsmarken begreifen, die den kulturellen Fortbestand garantieren sollen. Belkins Poesie der Kombinatorik zielt auf das Schöne und die Kontinuität des Erinnerns.

Einen Gegenpol zu einem solchen eher…

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