Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht · von Kirsten Claudia Voigt · S. 44
Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht , 2012

Kirsten Claudia Voigt

Face as Interface

Gesichter im Angesicht des Subjekt-Bild-Skeptizismus

Das Porträt als brüchige Kategorie

Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge. (…) Kein Künstler hat ethische Neigungen. Ethische Neigung beim Künstler ist eine unverzeihliche Manieriertheit des Stils. (…) Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. (…) In Wahrheit spiegelt die Kunst den Betrachter, nicht das Leben. (…) Alle Kunst entbehrt völlig des Zwecks.“1

Oscar Wildes apodiktische Vorüberlegungen zu Das Bildnis des Dorian Gray (1890/91) markieren einige jener Phänomene der Moderne, die das Porträt zu einer brüchigen Kategorie machen: Die Entkoppelung von Ästhetik und Ethik, die Reduktion des Kunstwerks auf die Funktion einer rezeptionsästhetisch willkürlich bespielbaren Projektionsfläche, die Ablösung eines naiven Realismus durch einen erkenntnistheoretischen Konstruktivismus und das ästhetizistische Autonomiepostulat für Kunst und Künstler. Wilde führt die Konsequenz dieser Kunst-Auffassung und einer hedonistischen Lebensphilosophie in effigie vor. Der fatale Wunsch des bildschönen Narziss erfüllt sich: An sein Porträt lassen sich das Altern und die Inskription der Effekte einer ungehemmt gelebten Existenz delegieren, Spuren eines gänzlich gewissenlosen Lebenswandels. Das Bild mutiert zu einem verräterischen Seelenspiegel. Er übersetzt die Bosheit in Hässlichkeit. Hallward, der Maler, bekennt, dass sein Werk mehr von ihm selbst als von der Wirklichkeit berge. Es offenbart die Tatsache, dass er, wie Gray, der Schönheit, der Oberfläche, dem Schein verfallen sei. Die Inversion zwischen Porträtiertem und Porträt wirkt als Katalysator einer zunächst sanktionsfreien Implosion der Sittlichkeit. Die Attacke auf das Bild (das äußere Erscheinungsbild, das durch Stillstellung unlebendig wird, und das gemalte Konterfei) gerät schließlich zur Auslöschung der eigenen Identität und Existenz. Wildes…

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