Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht · von Fritz Emslander · S. 108
Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht , 2012

Fritz Emslander

„Ich kann den Mann wegen der Ähnlichkeit nicht erkennen“

Zeichnerische Positionen zur Aufhebung der Ähnlichkeit im Porträt

Harriet – der Name als Titel weist eine vielschichtige Arbeit Marijn Akkermans als Porträt aus. Offenbar stellt das Werk damit eine Beziehung zwischen dem gezeichneten Porträt und einem menschlichen „Original“ her. Und doch entzieht sich Harriet auf ebenso dynamische wie subtile Weise unserem Blick. Das Blatt ist zum Teil eingerollt und betont den Bildcharakter der Zeichnung. Was darunter zum Vorschein kommt, ist ein weiteres, ein anderes Bild. Unsere uralte Neigung, eine Präsenz der Porträtierten im Bild anzunehmen, das Porträt als den Menschen (Harriet) zu nehmen, wird nachhaltig gestört. Das gerollte Papier verbirgt einen Teil des Bildes und legt zugleich ein geschwärztes Umrissbild an der Wand frei. Dieses verweist auf die Anfänge der Zeichnung im Schattenriss. Der Schatten liefert zwar einen unmittelbaren Abdruck, er fungiert als Index, wie ihn Charles Pierce definierte – ein Zeichen, das (wenn auch nur vorübergehend) eine physikalische Verbindung zur bezeichneten Wirklichkeit hält.1 Doch das hilft der Porträtzeichnung nicht aus ihrem grundsätzlichen Dilemma.

Dass die Ursprungslegenden von Zeichen- und Porträtkunst in jener Erzählung von Plinius dem Älteren konvergieren, ließ die Kunsttheoretiker lange einen „inneren Zusammenhang zwischen der Linie und der Aufgabe des Porträts“ behaupten. Plinius berichtet von der Töpferstochter, „die aus Liebe zu einem jungen Mann, der in die Fremde ging, bei Lampenlicht an der Wand den Schatten seines Gesichtes mit Linien umzog.“2 Die nach der Natur gezogene Linie sei, so die Kunsttheorie, imstande, „die Sache selbst“, mit den Zügen einer Person…

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