Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht · von Lydia Haustein · S. 88
Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht , 2012

Lydia Haustein

Fotografie und Videokunst

Das Gesicht als poetische Abstraktion

„Darum sage ich dir, dass es bei der Formung des Menschen nicht vor allem darauf ankommt, ihn zu belehren, denn es ist sinnlos, wenn er nur noch ein Buch auf zwei Beinen ist, sondern ihn zu erheben und ihn auf die Stufen hinaufzuführen,
in denen es nicht mehr Dinge gibt, sondern Gesichter, die aus dem göttlichen Knoten
hervorgingen, welcher die Dinge verknüpft.“
Antoine de Saint-Exupéry
(Die Stadt in der Wüste, Citadelle)

Die Videokunst startete vor über dreißig Jahren mit dem Anspruch, eine neue Form der Wahrnehmung innerhalb der Künste und des Mediendschungels durchzusetzen. Dass Sehen, Erkennen und Identität eine untrennbare Einheit eingehen, machte nichts deutlicher als ihre Form des Mediengebrauchs. Die Videokunst veranschaulichte im Laufe ihrer Entwicklung die dynamischen Systeme verschiedener Bildwelten und deren massenmediale Rahmungen, durch die wir heute scheinbar alle blicken. Horst Bredekamp spricht allen theoretischen Volten der letzten Jahre zum Trotz von den „Blitzen der Präsenz,“ die als Reflexe der „substanziellen Dinge“ durch die Medien hindurchwirken. Er traut nach wie vor der Bildlichkeit eine Unmittelbarkeit der Erkenntnis zu, die andere im Theoriesumpf schon längst ertränkt haben. Damit übertrumpft er spät aber nachdrücklich Andy Warhols „Kult der medialen Einverleibung“, nachdem der Mensch einzig im Spiegel der Medien existiere. Spätestens seit Luis Buñuel die Konvention des „wahrnehmenden Betrachterauges“ zerschnitt, vermögen die Objektive der Kameras eine illusionäre Beziehung zu einem illusionären Außen aufnehmen. Die Metapher von Maske und Gesicht zeigt neben ihrer poetischen Suggestion das spannungsvolle Spiel mit Identitäten. Eine Komplizenschaft zwischen Sujet und Betrachter…




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