Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht · von Peter Weibel · S. 144
Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht , 2012

Peter Weibel

Robert Wilsons Videoporträts1

Der Malerei folgen: Denis Diderot

Wenn wir heute von Porträts sprechen, können wir dies nicht tun, ohne uns auf die klassische Malerei zu beziehen. Nicht nur weil die Malerei für Jahrtausende das beinahe exklusive Medium des Porträts war, sondern weil die Stellung und der Wert der Porträtmalerei innerhalb der Malerei selbst etwas über die Kunst des Porträts aussagen und damit ein Modell exemplifizieren, dem jede weitere Porträtform folgt. Die klassische Malerei war von einer Gattungshierarchie gekennzeichnet, in der die Historienmalerei die höchste und das Stillleben die rangniederste Stufe einnahm. Robert Wilsons Video Portraits sind zwischen den Gattungsgrenzen und Gattungshierarchien der klassischen und der modernen Malerei zu situieren. Dies ist ihre erste Leistung: die Gattungshierarchien der Moderne umzuwerten, ohne klassisch zu werden, und die klassischen Gattungshierarchien aufzuwerten, ohne die Moderne zu verraten.

Um dieses Operieren zwischen den Gattungen zu verstehen, ist es nützlich, sich auf einige Schriften von Denis Diderot zu beziehen. Dem Diktum, dass die Historienmalerei in der Gattungshierarchie ganz oben steht, folgt auch Diderot in seinen Ausführungen – seine Lieblinge sind allerdings der Landschaftsmaler Vernet und der Genremaler Greuze. Um sie aufzuwerten, muss er sie durch definitorische Umdeutung in den Rang der Historienmaler erheben. Daher schreibt er in seiner Besprechung des Salons von 1763: „Solange die Porträtmaler nur Wert auf Ähnlichkeit und keinen Wert auf Komposition [Herv. d. Autors] legen, werde ich wenig von ihnen sprechen; aber sobald sie erkannt haben, daß eine Handlung [Herv. d. Autors] nötig ist, um Interesse zu erwecken, werden sie auch das ganze…

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