Magazin: Symposien & Kongresse , 1995

Ingo Arend

Geschmacksdemokratie

Alles eine Frage der Sinne

Nur mit Geschmack läßt sich streiten. So müßte man ein abgeschmacktes Sprichwort nach der vierten Konferenz der Bonner Bundeskunsthalle aus der Reihe „Zur Zukunft der Sinne“ eigentlich umschreiben. Diesmal ging es um Geschmacksfragen. Seit Aristoteles reduziert man Geschmack auf seine vier angeborenen biologischen Grundrechenarten: süß, salzig, sauer und bitter. Dabei spiegelt der Geschmack aufschlußreich Zivilisationsgeschichte. Essen, so dechiffrierte der Philosophiegeschichtler Hans-Dieter Bahr von der Universität Wien das Beispiel von Petronius „Gastmahl“, ist immer auch symbolische Sprache. In diesem Falle die kulinarische Symbolisierung der sexuell wie sozial zerfallenden Spätantike. Ob Messer und Gabel statt gemeinsamem Fleischtopf, ob die breiten Tellerränder der kühlen Erlebnisgastronomie oder die adrett funktionalen fast-food-Ketten: Im Prozeß der Zivilisation hat sich der animalische Trieb aber auch zur höchst sublimen Darstellungskunst verfeinert, spätestens seit der Aufklärung zum ästhetischen Urteil vergeistigt. Friedrich Schiller propagierte Geschmack als Triebtöter und Durchlauferhitzer idealer Moral. Und unsere postmoderne Eßkultur schmeckt dem Oldenburger Kulturwissenschaftler Thomas Kleinspehn weniger nach Genuß als nach Triebabwehr. Mit dem ästhetisch inszenierten Erlebnismahl, wo es meist wenig zu essen, aber dafür um so mehr kunstvoll Drapiertes zu sehen gibt, so seine These, überspielen wir unsere Angst vor übermäßigen Trieben. Blick- statt Fleischeslust soll den Körper unter Kontrolle halten.

Obwohl sich unser lustfreier Geschmack dabei ausdifferenziert, vereinheitlicht er immer mehr. Brave new taste: Die Geschmacksdiktatur unserer Tage regiert nicht nur mit dem immer gleichen Wein, den der deutsche Supermarkt um die Ecke genauso wie der in San Franscisco anbietet, wie der Berliner Weinkritiker Stuart Pigott in Bonn klagte….

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